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2008-03-14 Schauspielkritik  
"Hexenjagd" im leeren Raum

Michael Helle inszeniert Arthur Millers Drama
in der Schauspielhalle Beuel

 
ape. BONN. Ein kleines Mädchen entleert lächelnd ein Einweckglas: Über die Bühne zappeln  schwarze Fliegen, die während der folgenden knapp drei Stunden in der Schauspielhalle Bonn-Beuel herumschwirren. Im letzten Akt der dortigen Produktion von Arthur Millers „Hexenjagd“ stellt der Gerichtbüttel eine Batterie blaulichtiger Elektrofallen auf. In denen verglüht das Geschmeiß schließlich knackend. Der eklig provokante Spaß des Kindes endet als Massaker.
 
So eine der prägnanten Mehrdeutigkeiten in der Inszenierung von Michael Helle, einst Schauspielchef in Mainz, dann in Aachen, jetzt freier Regisseur. Eine andere begegnet in der Kleidung des Ensembles. Die ist heutig; schwarz die Anzüge der Männer wie die strengen Kostüme der Frauen; trist wie die bemerkesnwerte Bühne: zwei endlose, völlig leere, schräge Ebenen, deren tiefste Seitenkanten sich miteinander vereinen (Ausstattung: Dieter Klaß).

Gefährliches Regie-Spiel

Diese Gemeinde ist eine Trauergemeinde, extrem puristisch. Und das in Helles Sicht so sehr, dass bis zur Pause mit den Unterschieden zwischen armen Bauern und dörflicher Hautevolee auch die Trennschärfe zwischen den Charakteren beinahe zu verschwinden droht. Ein gefährliches Spiel, das die Regie da mit fast plakativer Konzentration auf abergläubischen Religionswahn treibt. Denn Arthur Millers Stück verwendet tatsächliche Ereignisse aus dem Jahre 1692 als Metapher auf die Kommunisthysterie der McCarthy-Ära und schließt diverse soziale wie psychologische Aspekte ein.

Nicht minder riskant ist in Bonn die Geschwindigkeit, mit der die Massenhysterie über das angebliche Wirken des Teufels in der Gemeinde aufgebaut wird. Jugendliche Frauen haben nachts nackend im Wald getanzt, haben heimlich dies und das getrieben. Was auch sonst hätten sie in dieser gestrengen Bet-Gesellschaft mit der natürlichen Hitze ihres jungen Blutes anfangen sollen? Der Pfarrer überrascht sie, dessen beteiligte Tochter fällt in Ohnmacht – und die Maiden mimen fortan von üblen Geistern heimgesuchte Opfer, die als Kronzeugen gegen eine Verschwörung Satans auftreten.

Es folgen Massenhysterie im Verbund mit staats-religiöser Inquisition. Brave Leute werden zuhauf eingekerkert und gehängt. Der Spaß einiger Mädchen endet als Massaker – wir sind wieder beim Fliegen-Bild. Helle lässt die Hysterie nicht von der Vorgeschichte her allmählich die Gemeinschaft zersetzen, sondern sie schon nach wenigen Sätzen quasi explodieren. Es dauert nicht lange, dann stürmen Jugendliche die Bühne und schreien dem Publikum Teufelsängste entgegen. Die atmosphärische Absicht ist klar, doch die Szenerie wirkt bemüht.

Nach der Pause deutlich besser

Anders der zweite Teil. Die Inszenierung konzentriert sich auf die Ambivalenzen der Charaktere und ihre gespannten Beziehungen zueinander. Helge Tramsen kann die Zweifel des Reverend Hale am Gottesgericht ausspielen. York Dippe seinen Bauer John ins schmerzhafte Geflecht aus Renitenz, Verzweiflung und Resignation verwickeln. Und Eva Verena Müller lässt ihre Abigail nicht nur als provokant wütendes Girlie zur Höchstform auflaufen, sondern zugleich die Verletztheit und Verletzlichkeit einer Ausgestoßenen durchscheinen.

„Hexenjagd“ in Bonn: Vor der Pause der Versuch, atmosphärischen Effekt zu machen. Danach starkes Schauspiel, dem dann endlich auch Michael Helles schon aus Mainz bekanntes Gespür für die tiefgehende Bedeutung der Choreografie des Personals im Raum zustatten kommt.                                                           Andreas Pecht

(Erstabdruck am 15. März 2008)

Bühnen Bonn, Kritik, "Hexenjagd", Regie Michael Helle
 
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