Thema Kultur / Geschichte / Gesellschaft
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2016-01-02 Neujahrsessay:

Veränderung ist der
historische Normalzustand

Schneller denn je vermischt das Rührwerk der Geschichte Völker und Kulturen


ape. Der Homo sapiens ist ein eigentümliches Wesen. Einerseits erweist er sich gegenüber veränderten Bedingungen als so anpassungsfähig wie kaum ein Säugetier sonst. Obendrein treiben ihn Wissbegierde und Erfindergeist, ruhelos die Grenzen seiner realen wie gedanklichen Welt immer weiter hinauszuschieben. Andererseits scheint er rasche Veränderungen seiner Lebensumstände nicht zu mögen. Zumindest nicht, wenn er ein Auskommen hat, wenn niemand ihn zu arg drangsaliert, wenn ihm nicht Mord und Totschlag drohen. Dann hängt er am Gewohnten, ängstigt sich vor Fremdem und Neuem.

Wo er aber Mangel am Wichtigsten leidet, kann der Mensch von jetzt auf gleich sämtliche gewohnten, aber beengenden Verhältnisse wütend umstürzen. Oder er bricht auf nach anderswo, um dort zu suchen, was ihm hier verwehrt ist. Der Widerspruch zwischen Drang/Zwang zur Veränderung da, zum Verharren dort, sind tief in uns und unserer Geschichte angelegt. Allerdings attestieren biblische Betrachtung wie realhistorisch Erforschtes übereinstimmend: Gleich zum Beginn der Menschheitsgeschichte neigte sich die Waage zur Seite immerwährender Veränderung.

Die ersten Menschen sind
als Migranten unterwegs


Adam und Eva hätten glückselig im Paradiese leben können. Doch wegen ihrer Neugier wurden sie aus der angestammte Heimat vertrieben und mussten sich eine neue suchen. Die Bibel zeigt das erste Menschenpaar als Migranten. Das bleibt dann Regelfall: Noah muss sich und die Seinen auf ein Flüchtlingsboot retten; Moses muss seinem Volk eine Fluchtroute aus Ägypten in ein fernes gelobtes Land spuren; Maria und Josef müssen zwecks Erfassung durch die Behörden menschenunwürdige Wege gehen ...

Die Wissenschaft zeigt ähnliches. Die ersten höheren Hominiden entwickelten sich in Afrika, besiedelten von dort aus den Erdkreis. Zuerst vor mehr als einer Million Jahren der Homo erectus, aus dem der Neandertaler hervorging. Vor 90 000 Jahren überschritt der Homo spaniens die Grenzen der Menschheitswiege. Er breitete sich zuerst im Nahen Osten, in Südasien und bis nach Australien aus, gelangte dann auch nach Europa. Wie in der Bibel, so ging auch in der realen Geschichte die Zivilisationsentwicklung von Menschen aus, die aus Neugier und/oder auf der Suche nach einer neuen Heimat in die Welt zogen – dabei ihre Lebensart mehrfach vollständig verändern mussten.

Kurzum: An unser aller Anfang standen Migranten und hat demnach jeder Mensch einen Migrationshintergrund. Und: Seit die Wissenschaft unsere Gene entschlüsselt hat, ist klar, dass Homo sapiens und Neandertaler Kinder miteinander zeugten. Mithin ist das Gros der auf Erden lebenden Menschen quasi Ergebnis einer Vermischung von zwei Stammbäumen. 

Migration und Völkervermischung blieben über Jahrzehntausende Wesenselemente des Veränderungsprozesses, den man Menschheitsgeschichte nennt. Sie sind es noch. Es ist einer der populären Irrtümer, auf dem Gebiet des heutigen Deutschland hätten seit Jahrtausenden Deutsche (vermeintlich: Germanen) gelebt. Archäologische Funde belegen, dass etwa ums Neuwieder Becken in der späten Steinzeit sich regelmäßig Menschensippen aus mehreren Hundert Kilometern Umkreis zu gemeinsamen Jagdperioden, Wissensaustausch und Wahl von Sexualpartnern trafen. Im Staffettenverfahren reichte dieser Kultur- und Gen-Austausch vom Niederrhein bis nach Spanien. Weshalb unsere spätsteinzeitlichen Vorfahren keine Deutschen, sondern Europäer waren.

Aus Kelten, Germanen und Römern
werden Rheinländer 


Noch deutlicher wird das, springt man über gut zehntausend Jahre hinweg in die Vor- und Frühantike. Wir schreiben das Jahr 800 vor Christus – und finden etwa am Mittelrhein noch immer keine Germanen. Wie zahllose andere Populationen in Eurasien, durchlebten deren Sippen gerade die Schlussphase der Wandlung vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter. Allerdings waren die Germanen da noch an der Weichsel und in Skandinavien daheim. Derweil entwickelte sich an Rhein und Mosel, ja von Portugal bis Irland und von Oberitalien bis Ungarn aus örtlichen Bronzezeitkulturen und mannigfachen Wanderbewegungen die keltische Großraumkultur. Deren Ausläufer reichten bis nach Kleinasien. Sprachforscher haben entdeckt, dass zu ihrer Blütezeit am Übergang zur Hochkultur in Anatolien und im Trierer Raum ein ähnlicher Keltendialekt gesprochen wurde.

Die keltische Prägung Süd- und Mitteleuropas dauerte gut 600 Jahre. Dann wurde sie in die Zange genommen: Vom Nordosten wanderten Germanen ein, vom Süden bald darauf die Legionen  des Imperium Romanum. Wieder gab es eine Durchmischung der Völker, Kulturen, Sprachen. Kelten und Germanen lebten einige Zeit gegen- und nebeneinander, verschmolzen bald miteinander. Noch anno 70 nach Christus erhoben sich Stämme beider Gruppen am Niederrhein, Mittelrhein und an der Mosel Seite an Seite gegen Rom. Die „Bataver-Aufstand” genannte Revolte wurde niedergeschlagen. Die Niederlage der keltischen Treverer in der Schlacht bei Riol nahe Trier gegen die 21. Legion aus Mainz markiert das Ende der Keltenkultur an Rhein und Mosel. Die Treverer wurden romanisiert, Trier eine römische Metropole.

Römische Gesetze, Sitten, Baustile, Nahrungsmittel hielten Einzug. Soldaten und Bürger aus allen Ecken des Imperiums zeugten mit hiesigen Kelten und Germanen Kinder, ließen sich an Rhein und Mosel nieder. Sie brachten ein Gewächs mit, das Landwirtschaft, Landschaft und Lebenskultur entlang von Ahr, Mosel, Nahe sowie den Rhein hinauf durch die Pfalz umwälzte und bis zum heutigen Tag prägt: die Weinrebe. Die alten Götter begannen hinter den römischen Olympiern ein Schattendasein zu führen. Bis eine ganz neue Religion aus dem fernen Palästina auftauchte, die nurmehr einen Gott duldete. Sie stürzte Weltbilder und Sitten vom Mittelmeer bis zum Eismeer vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer um, mal mit frommen Worten, mal per Herrscherbefehl, oft durch Feuer und Schwert: das Christentum.

Veränderung und Entwicklung durch immerwährende Vermischung

Doch lässt sich selten völlig ausrotten, was über Generationen Usus war. „Veränderung und Entwicklung durch Vermischung” lautet das dominante Prinzip der Geschichte: Jede Kultur und Technik, jede Sprache und Religion, jede genetische Gruppe hinterlässt in allen anderen, mit denen sie in Berührung kommt, ihre Spuren. Als Beispiel mögen die christlichen Feiertage dienen. Nicht zufällig sind viele terminlich angedockt an keltisch-germanische Feste. Ein gehöriger Teil heutiger Traditionen findet seinen Ursprung in vorchristlichen Ritualen: Vom Sonnwendfeuer über den Nikolaustag und Weihnachten bis Fastnacht oder Ostern.

Die Christianisierung war noch nicht abgeschlossen, da begann der chaotische Zerfallsprozess des römischen Reiches. Zeitgleich drängten die Germanen weiter nach Südwesten. Ebenfalls zeitgleich drückten von Osten her hunnische Reitervölker aus den Steppen Zentralasien. Zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert war fast der gesamte Kontinent siedlungsräumlich, politisch und kulturell in Bewegung. Zwei Beispiele: Das germanische Volk der Vandalen zog von seinem Siedlungsraum östlich der Oder erst an den Rhein, dann durch Gallien nach Spanien und landete schließlich in Nordafrika. Die Burgunden verließen Polen, siedelten sich für eine Weile in Rheinhessen und der Pfalz an, um schließlich, von Hunnen vertrieben, an der Rhone ein Reich zu gründen.

Erorberung, Vertreibung, Auswanderung, Neuansiedlung und allemal – ob im Krieg erzwungen oder im Frieden gewachsen – Vermischung auf sämtlichen Ebenen. Wie die Geschichte als gewaltiges Rührwerk der Völker und Kulturen stete Veränderung produziert, so auch der menschliche Erfindergeist. Vom Faustkeil zum Rad zum Bronzebeil zum Eisenpflug zur Dampfmaschine zum Benzinmotor zum Computer zum Internet: Jeder Entwicklungschritt veränderte die Lebenswelten aufs Neue. Was dem einen als Aufbruch in eine bessere Zukunft galt, war dem anderen Absturz in düsteres Dasein.

Manche Veränderung brauchte Jahrhunderte, manche vollzog sich quasi über Nacht. Selten zuvor hat etwas so schnell unsere Landschaften, Städte, Arbeits- und Lebensstrukturen derart radikal verändert, wie die Entwicklung des Automobils zum vorherrschenden Verkehrsmittel. Nie zuvor hat etwas in nicht mal einer Generation die häusliche und Freizeitkultur so brachial verändert wie das Fernsehen. Nie zuvor gab es ein Medium wie das Internet, das Menschen und Kulturen aller Weltgegenden miteinander, mit dem Wissen der ganzen Menschheit und zugleich mit jeder ihrer Dummheiten verbindet.

Nationalstaaten sind alles andere
als naturgegeben


Kein Reich konnte je auf Dauer dem Veränderungsdruck standhalten. Keine Dynastie hat je länger als ein paar Generationen geherrscht. Keine mit der Welt verbundene Kultur blieb jemals wie sie war. Im 19. Jahrhundert wurden die feudalen Erblande durch etwas bis dahin völlig unbekanntes ersetzt: Nationalstaaten. Ob es sich dabei um Fortschritt, Fehlentwicklung oder bloß kurzes Zwischenstadium auf dem Weg zur Kontinental- oder Weltgesellschaft handelt, da scheiden sich die Geister. Nur weil wir heute zufällig darin leben, erscheint uns die Einteilung der Menschheit nach Nationalstaaten und vermeintlichen Nationalkulturen als schier naturgegebene Selbstverständlichkeit.     

Der historische Rückblick zeigt: Das ist ein Trugschluss. Der Blick in die Welt des jungen 21. Jahrhunderts offenbart: Das Rührwerk der Geschichte dreht sich, jetzt den ganzen Planeten umfassend, schneller denn je; und wir stecken mittendrin in einer neuen Intensivphase der Vermischung. Das war niemals und ist auch jetzt kein einseitiger Vorgang. Es kamen nie nur viele Migranten hierher. In den Elendsjahren des 19. Jahrhunderts wanderten Millionen Iren, Polen, Italiener, Deutsche und andere Europäer aus; darunter hunderttausende Pfälzer und Rheinländer.

Wer heute über die Internationalisierung Deutschlands und seiner Kultur klagt, sollte nicht vergessen: Beethoven wird längst auch in Peking gespielt, Goethes „Faust” in Kapstadt, Moskau oder Sidney aufgeführt. Made in Germany überflutet die Welt mit Waren und Waffen, Heerscharen   deutscher Touristen drücken Kulturen rund um den Erdball ihren Bedürfnisstempel auf. Wie Pizzerien, Hamburger-Ketten, Döner-Läden sich hier ausbreiten, so Bratwurststände, Oktoberfeste und Christkindlmärkte anderwärts.

Alles ist im Fluss, alles verändert sich. Doch das war seit Adam und Eva nie anders. Im globalen Zeitalter entwickelt sich naturgemäß und zwangsläufig: eine globale Kultur. Das geschieht eben jetzt, auch wenn viele es noch nicht wahrhaben wollen. Die überkommenen Regionalkulturen lassen sich demgegenüber nicht durch feindseliges Abschotten behaupten. Das hat noch nie funktioniert. Doch kann man das wirklich Wertvolle aus Freude an der menschlichen Kulturvielfalt innerhalb des  Weltchores als eine eigenständige Stimme unter anderen sorgsam pflegen.   

Andreas Pecht

(Erstabdruck/-veröffentlichung in einem Pressemedium außerhalb dieser website am 02. Januar 2016)

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