Quergedanken

Quergedanken Nr. 111

ape. Der Arzt sagt, ich soll mich nicht immer so aufregen. Das sei schlecht für die Gesundheit. Wenn mich aber der Zorn packe, müsse ich ihn gleich wieder ableiten. Wie? Indem ich mein Kopfkissen verprügle oder im Wald die Bäume anschreie. Der medizinische Rat will mir nicht recht einleuchten. Denn Bäume waren mir stets die besten Genossen und auch mit dem Kissen habe ich keinen Streit. Warum den Unmut auslassen an denen, die wehrlos sind und sowieso völlig unschuldig am Weltenquatsch?

Was können Wald und Bett dafür, dass mir die Galle hochkommt beim Katastrophen-Genöhle über jüngste PISA-Testergebnisse? Da war unser Nachwuchs beim Lösen praktischer Lebensaufgaben im OECD-Vergleich „bloß mittelmäßig”. Deutsche Kids können Fahrscheinautomaten und Routenplaner nicht so fix bedienen wie Koreaner und Chinesen. Mal davon abgesehen, das es mir trotz Universitätsbildung oft genauso geht, und dass asiatische Ticketautomaten vielleicht einfach nutzerfreundlicher sind als diejenigen der Deutschen Bahn: Was ist so schlimm an mittelmäßigem Abschneiden?

Es gehört zum Wesen von Leistungsvergleichen, dass stets die meisten Teilnehmer Mittelfeld sind. Kennt man von der Bundesliga: Kleine Abstiegszone, große Mitte und als Spitzengruppe der FC Bayern München. Welches Naturgesetz verlangt denn, dass Deutschland bei allem und jedem protzen muss wie die bayerische Fußballgeldmaschine? Mittelfeld ist ein guter, weil normaler und noch etwas lebensfroher Rang. Ewig klassenbester Streber ist Mist: Jeder will bei ihm/ihr abschreiben, niemand mit ihm/ihr knutschen.

Neulich war Freund Walter Probefahren. Ein neues Auto steht auf dem Investitionsplan; notgedrungen, weil das hiesige öffentliche Regionalverkehrswesen einfach nicht in die Puschen kommt. Nach dem Besuch im Autohaus hätte er vielleicht doch besser erstmal Bäume bebrüllt oder Kissen verdroschen. Stattdessen kotzt er mir seinen Frust über „automobile Neuheiten” ungebremst auf den Tisch: „Wenn schon Auto fahren, dann richtig. Ich will nicht in einem Computer auf Rädern hocken und bloß noch kutschieren wie der Ochse am Nasenring!”

Dann erzählt er von Bremsen, Gaspedalen, Schaltungen, Scheibenwischern, Scheinwerfern mit eigenem Willen; von Verbrauchsoptimierungsrechnern, Spurhaltungs-, Abstands- und Einparkautomatiken; von sprachgesteuerten und sprechenden Türen, Gurten, Navis, Infotainmentkonsolen, Internetschnittstellen; von Möglichkeiten aus dem fahrenden Auto die Rollläden daheim zu schließen, die Klobrillenheizung anzuwerfen, den Standort der Kinder zu ermitteln, den Blutdruck des Opas abzurufen oder die Paarungsbereitschaft des Lebenspartners zu kalkulieren... Zwecks Sicherheit der Verkehrsteilnehmer stehe dies alles in permanentem Datenaustausch mit einem globalen Überwachungsnetz. Standardausstattung: NSA-on-bord.

Walter ätzt: „Furze am Steuer – und die Leitstelle veranlasst einen Ferncheck deines Gesundheitszustandes; der Bordcomputer chauffiert dich dann zur nächsten Bedürfnisanstalt nebst Rasthaus mit Fencheltee und Wellness-Angebot.” Noch mehr teure Technik, die kein Mensch braucht, sage ich. „Nö, nö,” widerspricht der Freund spitz: „All die neuen Automatikfunktionen der Fahrzeuge sind schon deshalb nötig, weil sich wegen der vielen akustischen und optischen Automatiksignale des Bordsystems kein Mensch mehr mit Selbstfahren abgeben kann.” Oh weh, gebt mir ein Kopfkissen, schnell!

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 17./18. Woche im April 2014)

Quergedanken Nr. 110

ape. Nach dem bayerischen Fußballkrösus müssen auch wir gestehen: Walter und ich sind Glücksspieler, Zocker. Immerhin keine Abzocker. Wir haben niemanden geschädigt, erst recht den Staat nicht, sondern nur uns selbst. Drei Euro für jeden jede Woche, gesetzt in einer aussichtslosen Wette, aus 49 Zahlen 6 richtige zu erraten. Abzüglich einiger Kleingewinne hat uns das in 20 Jahren zusammen 5000 Euro gekostet – gezahlt an die staatliche Lottogesellschaft und damit wenigstens keinem Spekulanten in den Gierhals gestopft. Zum Trost verbuchen wir die verlorenen Einsätze als freiwilligen Steuerzuschlag zwecks Förderung des Allgemeinwohls.

Es sind nicht ganz 5000. Denn wir lassen stets die Finger vom Spiel, wenn der Jackpot über drei Millionen klettert. Das mag jeder Reiz-Reaktions-Logik widersprechen, war aber zwischen uns vom ersten Tippschein an vereinbart. Und zwar aus folgendem, zugegeben von purem Aberglauben herrührendem Grund: Es möchte sein, dass der Teufel uns gemäß der Wahrscheinlichkeitsrechnung jeden durchschnittlichen Gewinn verwehrt – um dann überraschend mit einem prallen Jackpot nach unseren Seelen zu greifen.

„Niemand, der auf Millionengewinn hofft, wird verstehen, was du meinst”, brummt Walter. Kreuzgewitter, was ist denn daran so schwer zu begreifen? Also anders formuliert: Was sollte unsereins mit 8, 10 oder 20 Millionen anfangen? Champus (mag ich nicht) gluckern und von güldenen Tellern Kaviar (mag ich nicht) futtern. Das kleine Westerwaldhäuschen (liebe ich) gegen eine Prachtvilla (mag ich nicht) in bester Rheinlage tauschen. Eine Nobeldatsche auf den Kanaren erwerben (ist mir zu umständlich). Ins regionale Establishment (langweilig) aufsteigen und den Großbürger im feinen Zwirn geben (ach Gottchen). Die Puppen tanzen lassen (zu herzlos). Durch Investieren aus dem Geld mehr Geld machen (völlig sinnlos)......

Mein alter Lektor pflegte einst irgendeinen noch älteren Gelehrten mit dem Satz zu zitieren: „Macht macht böse.” Und meine Oma selig hatte stets den Spruch zur Hand: „Reichtum verdirbt den Charakter.” Bei Marxens ihr'm Karl hieß es: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.” Da wird nun mancher der ein bisschen Reichen und Mächtigen am Mittelrhein entschieden widersprechen. Ach, Kinners: Ich bin über die Jahre etlichen von euch immer wieder begegnet, traf dabei nicht selten auf fleißige, kluge, umgängliche Unternehmer und Apparatschiks.

Ich habe manchen aufsteigen sehen – und mehrfach erlebt, dass sich dabei peu a peu Habitus, Denken, Empfinden, Handeln verändern. Mit einigen plaudere und trinke ich bis heute gerne, aber untergebener Angestellter wollte ich bei keinem sein. Walter hebt mahnend den Zeigefinger: „Davor, Mister Querdenker, sind auch wir nicht gefeit. Mit ein paar Milliönchen im Kreuz oder auf erhöhter Machtposition schmeckt die Welt halt anders als in den Niederungen. Wärest du Millionär würden deine Kommentare womöglich die Lage der Nation nicht mehr nach dem Stand der sozialen Gerechtigkeit bemessen, sondern die Kapitalmärkte zum Maß aller Dinge machen.”

Herr, bewahre mich vor dem Pferdefüßigen! Weshalb wir Lotto spielen nicht um reich zu werden. Wir tippen bloß fürs Träumen vom kleinen Glück: mit ein paar zehntausend Euro Gewinn bei etwas weniger Arbeitsstress und etwas mehr Unabhängigkeit uns möglichst treu zu bleiben. Dummes Spiel, blödes Laster? Ja natürlich.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 13. Woche im März 2014)

Quergedanken Nr. 109

ape. Als ich 1976 zum Grundwehrdienst in die Koblenzer Gneisenau-Kaserne einrückte, war völlig klar: Ich würde nun 15 Monate lang, neben allerhand Unfug, das militärische Kämpfen lernen, aber mit 99,9-prozentiger Sicherheit nicht wirklich kämpfen müssen. Da stand das Grundgesetz vor, das die Aufgabe der Bundeswehr auf Landesverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs von außen aufs Bundesgebiet festlegt. Als Schütze-Arsch Pecht den in Sachen Gehorsam eher unwilligen Bürger in Uniform gab, waren die Franzosen längst Gut-Freund, machten die Sowjets keine Anstalten mehr, den Kurfürstendamm zu überrollen. Weit und breit also keine Aussicht auf den Verteidigungsfall.

Hätte seinerzeit ein Bundeswehrgeneral behauptet, Deutschlands Freiheit müsse am Hindukusch verteidigt werden, er wäre in der Klappsmühle gelandet. Hätte mein damaliger Hauptmann uns Rekruten Einsätze für zentralasiatische Gebirge oder afrikanische Steppen trainieren lassen: Wir hätten ihn, subito, wegen verfassungsgfeindlicher Umtriebe vors Truppendienstgericht gebracht. Warum die Veteranen-Schwänke? Weil am Kontrast zu damals deutlich wird, wie sehr sich seit Schröder/Fischer die deutsche Militärpolitik vom gesellschaftlichen Konsens der Landesverteidigung entfernt hat. Junge Deutsche, die heute die Uniform anziehen, müssen auf eine hohe Wahrscheinlichkeit gefasst sein, in Kampfgebiete irgendwo auf der Welt auszurücken.

Dem Einsatzfall im grundgesetzlichen Geist entspräche die neue Politik indes nur, läge das Kosovo am Rhein, Kabul im Hunsrück und begänne Zentralafrika gleich hinter Neuwied. Das ist zwar nicht so, dennoch soll nach jüngsten Einlassungen von Bundespräsident, Außenminister und Verteidigungsministerin alsbald der ganze Globus in den Zuständigkeitsbereich der deutschen Wehr fallen. Deutschland müsse gemäß seiner gewachsenen Bedeutung in der Welt außenpolitisch größere Verantwortung übernehmen, heißt es, verstärktes Militärengagement inklusive.

Zur Hölle, was für ein altbackenes Verständnis vom Verhältnis zwischen Außenpolitik und Militär kocht das Trio aus Ex-Pastor, Sozialdemokrat und Unions-Kommandeuse da auf?! Herrschaften, es ist ein Irrtum, das Militär als wohlfeiles Werkzeug der Außenpolitik zu verstehen. Umgekehrt wird im globalen Zeitalter ein Schuh draus: Vornehmste Aufgabe von Außenpolitik ist es, den Einsatz des Militärs zu verhindern. Das wäre mal eine richtig ehrenwerte Verantwortung: Deutschlands Gewicht in die Waagschale zu werfen als Kriegsskeptiker, Kriegsverzögerer, Kriegsverhinderer, als Vermittler, Meisterdiplomat, Alternativenentwickler.

Hah, aber die neudeutsche Außenpolitik hat mal wieder den Clausewitz nicht verstanden: „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ hatte der preußische Militärtheoretiker gesagt – damit jedoch gemeint: Krieg ist die Bankrotterklärung der Politik. Die Geschichte hat so viele dieser Bankrotte erlebt, dass auch wir nun irrtümlich glauben, die Menschheit könne ohne Militäreinsätze als vermeintliche ultima ratio der Politik gar nicht auskommen.

„So ernst mitten im Karneval“ grummelt da Walter. Ach Freund, der du nie gedient hast, ich weiß: Die einzigen Uniformierten, die dich im Augenblick interessieren, sind die erwachsenen Funkenmariechen und Tambourmajorinnen. Ich wollt', es gäb keine anderen Soldaten auf der Welt – dann könnten Politiker bloß Politik machen.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 9. Woche im Februar 2014)

Quergedanken Nr. 108

ape. Kennen Sie das auch? Plötzlich flutet eine mordsmäßige Aufregung durch die öffentlichen Kanäle, du aber kannst partout nicht begreifen, was die Leute derart in Rage versetzt. So jetzt wieder erlebt beim Outing von Thomas Hitzlsperger. Mehr noch beim Vorstoß der Landesregierung von Baden-Württemberg, die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als schulisches Bildungsziel festzuschreiben. Das Bekenntnis eines Ex-Nationalfußballers zu seiner Homosexualität wird bestaunt und gefeiert, als sei's das siebte Weltwunder. Zugleich löst die Stuttgarter Schulinitiative eine Kontroverse aus, die ich schon vor 20 Jahren abgeschlossen glaubte.

Geht's noch?! Wie weltfremd muss man heute sein, um schwule Kicker für etwas Sonderbares zu halten? Oder schwule Leichtathleten, Ruderer, ja auch Gewichtheber und Boxer. Oder schwule Polizisten und Soldaten, Baggerfahrer und Müllwerker, Bäcker und Dachdecker, Lehrer, Ärzte und Journalisten... Das gilt ebenso für die Frauen in jedweder Berufs-, Sport, Gesellschaftsgruppe: einen Anteil von Lesben gibt es überall. Und siehe: Homosexuelle können in ihren Berufen und Hobbys genauso gut oder schlecht sein wie Heteros. Auch schwule Börsenzocker können uns an die Wand fahren und lesbische Chefinnen uns drangsalieren. Ein Außenminister ist ein Außenminister, ein Bürgermeister ein Bürgermeister, eine Kanzlerin eine Kanzlerin: Mit wem die wie privat einvernehmlich Sex haben und/oder zusammenleben ist mir völlig wurscht.

Zugegeben: Auch ich habe in jungen Jahren eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass die Natur bei der Zuteilung sexueller Orientierung ganz anders tickt, als kirchliche und (spieß)bürgerliche Familiendogmatiker mir einreden wollten. Heute weiß ich: Die Natur sieht seit jeher in jeder Population für beide Geschlechter einen Anteil Homosexueller vor. Der dürfte irgendwo zwischen 3 und 10 plus X Prozent liegen. Genaue Zahlen sind schwer zu erheben, denn je feindseliger eine Gesellschaft ihre Schwulen und Lesben behandelt, umso geringer deren statistischer Anteil. Nicht weil es weniger von ihnen gäbe, sondern weil weniger ihre Homosexualität zugeben – oft nicht mal sich selbst gegenüber.

Aber eigentlich nervt es, all diese ollen Argumente 2014 wieder aus der Schublade holen zu müssen. Bis zum aktuellen Streit um den baden-württembergischen Bildungsplan ging ich davon aus, dass spätestens seit den 1990ern allüberall die Lehrer im Sexualkundeunterricht auch über Homosexualität als eine natürliche und normale Orientierung unter anderen natürlichen und normalen Orientierungen aufklären. Was in drei Gottes Namen gibt es denn darüber zu streiten?! Ehrlich: Mich interessiert nicht die Bohne, wer in meinem Freundes- und Bekanntenkreis oder sonstwo hetero, homo oder bi ist. Nein, nein, mit Toleranz-Ethos oder Gutmenschentum hat das nix zu tun – bloß mit Anerkennung von Selbstverständlichkeiten.

Walter bringt einen klitzekleinen Einwand vor: „Blöd finde ich allerdings, wenn eine prachtvolle Frau mich stundenlang hoffnungsvoll Süßholz raspeln lässt, um mir am Ende des Abends zu offenbaren, dass in sexueller Hinsicht alle Mühen vergebens waren, weil daheim ihre Lebensgefährtin warte.“ Tja Freund, so ist das eben mit dem Liebesspiel unter erwachsenen Menschen, egal ob hetero oder homo: Überraschungen und ein bisschen Risiko gehören dazu, sonst wär's kein so schönes Spiel.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 4./5. Woche im Januar 2014)

Quergedanken Nr. 107

ape. Schlimme Hochwasser, katastrophische Tropenstürme und eine Weltklimakonferenz mit grandiosem Null-Ergebnis. Oder: Finanzkrise unter Einsatz von Abermilliarden Volksgroschen gerade nochmal überlebt, gleich rollen die Kugeln wieder im Casino nach gehabter Manier. Nehmt dies als Beispiele für eine Allgemeintendenz im abgelaufene 2013, und ihr wisst, warum es mir vor Jahresrückblicken graust: Sie sind meist furchtbar frustrierend. Eben deshalb besteht Freund Walter boshaft darauf, dass ich heuer mal einen schreibe – und verlangt hämisch auch noch „journalistische Ausgewogenheit“ zwischen schlechten und guten News. Nun denn.

Witz des Jahres 2013:

Beelzebub probt Aufstand gegen den Teufel. Die acht größten profitgeilen Datensammel-Konzerne aus den USA schimpfen wie die Rohrspatzen auf die maßlose Datensammelwut der Geheimdienste. Ihre Befürchtung: Der systematisch vergläserte Kunde könnte als Bürger mal die Schnauze voll haben von diesem wie jenem Ausspioniertwerden, könnte auf Privatsphäre bestehen und die Jalousien runterlassen.

Schwachsinn des Jahres:

Amazon, DHL und Co. erproben Paketzustellung per Flugdrohne. Als reguläres Transportsystem angewendet, gäbe das ein arges Gebrumme, Geknatter, Gedränge, Gerempel im unteren Luftraum. Der Gesetzgeber würde im Interesse des Wirtschaftsstandortes den Umbau von Terrassen und Balkonen zu Landeplattformen vorschreiben. Und die Straßenverkehrsordnung bekäme einen neuen Paragraphen: Helmpflicht für alle bei jedem Aufenthalt im Freien. Walter hat sich deshalb zu Weihnachten einen Praxisgrundkurs im Tontaubenschießen schenken lassen.

Blödester Trend des Jahres:

Das deutsche Fernsehen lässt niemanden mehr einfach mal nett oder interessant in der Flimmerkiste kochen, musizieren, tanzen, flirten oder auch bloß hübsch sein. Alles und jedes wird zum Totschlagwettbewerb oder zur K.O.-Kampf-Konkurrenz um furzige Superstartitel hochgejazzt. „Sieg oder stirb“ heißt die primitive Maxime, die aus Abendshows Instrumente der Volkserziehung macht. Lernziel: Das Leben ist ein Krieg jedes gegen jeden und nur der Sieg zählt.

Beste Aktion des Jahres:

Angriff auf das digitale Imperium – 562 renommierte Autoren aus 83 Ländern protestieren mit einem gemeinsamen Manifest gegen Totalüberwachung durch Geheimdienste und Internet-Konzerne. Der Elfenbeinturm erwacht. Endlich!

Netteste Geste des Jahres:

Zum Ergebnis mag man stehen wie man will. Dass aber die SPD ihre Mitglieder über die Große Koalition abstimmen ließ, zeugt von Freundlichkeit der Führung gegenüber der Basis (geboren aus dem Mut der Verzweiflung). Mal sehen, was die SPD-Granden künftighin mit dem lange Jahre fast vergessenen Graswurzel-Geist anfangen, den sie jetzt wieder aus der Flasche gelassen haben.

Bewegendste Nachrichten des Jahres:

Dieter Hildebrandt und Nelson Mandela haben das Zeitliche gesegnet. Was uns mit beiden so sehr verbindet, ist weniger ihre auf unterschiedliche Weise enorme Bedeutung für ihr jeweiliges Land. Es ist vielmehr beider Beispiel für persönliche Haltung: sich nicht unterwerfen, nicht korrumpieren, nicht verbiegen lassen, sondern sich treu bleiben in der Gewissheit, dass die Ordnung der Menschen veränderbar ist. In diesem Sinne: Gutes Neues!

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 52. Woche im Dezember 2013)

Quergedanken Nr. 106

ape. Helle Aufregung am Wirtshaustisch als Freund Walter trocken in die Runde wirft: „Der NSA-Chef hat recht – das Ausspionieren von Regierungen gehört seit jeher zu den Grundaufgaben der Geheimdienste.“ Aber Ausspähen unter Freunden ginge doch gar nicht, wird ringsum Frau Merkel zugestimmt. Leute, was für ein naiver Quatsch ist das denn?! Spionage gibt es, seit es höher entwickelte Herrschaftsformen gibt. Seit mehr als 7000 Jahren also schnüffeln bezahlte Dunkelmänner und Mata Haris in Feindes- wie in Freundesland Politik, Militär, Wirtschaft aus. Stets galt dabei das Prinzip: legal, illegal, scheißegal. Seit wann hält sich James Bond an Dienstvorschriften, Bündnisverträge oder Menschenrechtscharta? Was machbar ist, wird einfach gemacht; der (selbstgesetzte) Zweck heiligt jedes Mittel.

So war's immer, unter Geiern, Krähen und Schlapphüten. Weshalb es Helmut Schmidt während seiner Kanzlerschaft nie so genau wissen wollte. Er habe sich damals überhaupt keine Geheimdienstberichte vorlegen lassen, bekannte er neulich. Die Geheimdienstler seien ihm suspekt gewesen, ihre Arbeitsergebnisse noch suspekter. Aus dem Verkehr ziehen mochte aber auch er sie nicht, trotz Zweifel an der Sinnhaftigkeit der schweineteuren Geheimapparate. Irgendwie steckt wohl in den meisten Politikern die abstruse bis wahnhafte Überzeugung, dass ein Staat ohne Spioniermaschinerie gar kein richtiger Staat sein könne.

Schon Fürst Metternich dachte so – und baute deshalb dem österreichischen Kaiser einen Geheimdienst auf, wie ihn die Welt bis dahin nicht gesehen hatte: Einerseits steckten seine Spitzel ihre Nasen in die Wäsche sämtlicher Hochwohlgeborenschaften Europas, andererseits verfolgten sie aufmüpfiges Volk bis aufs Plumpsklo. Aus dem historischen Exkurs zieht Walter den Schluss: „Also hat die jetzige Abhöraffäre ihre Wurzeln in Koblenz.“ Wie bitte??? „Ei sicher, dieser Klemens Wenzel Lothar von Metternich kam am 15. Mai 1773 am Koblenzer Münzplatz zur Welt. Der Stammvater neuzeitlicher Geheimdienstkultur ist ein am Mittelrhein sozialisierter Schängel.“ Was einmal mehr beweise, dass all jene richtig liegen, die von Koblenz als einem Schnittpunkt historischer Entwicklungslinien für Europa, ja für die Welt sprechen. Manchmal ist das Begehren nach geschichtlichem Glanz halt doch eine zweischneidige Sache.

Walter verlangt neuerdings von Stammtischbrüdern wie Freunden/innen: „Eure Handys lasst vor der Tür!“ Seit er weiß, dass staatliche und privatwirtschaftliche Schnüffler nicht nur seine Wege durchs Internet auswerten und sein Telefon ausspähen, sondern sogar ausgeschaltete Smartphones insgeheim aus der Ferne zu akustischen und optischen Wanzen umfunktionieren können, seither ist für den Freund Schluss mit digitaler Lustigkeit. „Wenn NSA, MI5, Verfassungsschutz und andere Geheimbünde wechselseitig ihre Chefs belauschen, ist das hundsgewöhnliches Politbusiness seit Ewigkeit und mir wurscht. Nun aber macht diese Bande meine Privatsphäre zum Glashaus. Das fühlt sich an, als stünden ständig fremde Leute in der Wohnung, die alles hören und mitansehen. Oder als würde man beim Stuhlgang mitten auf dem Marktplatz hocken, gar auf offener Theaterbühne Liebe machen.“ Nein, selbst Walter hat bislang nichts zu verbergen. Aber das könnte sich ändern – sollten Staatsmächte und Bigdata-Netzunternehmen ihm/uns weiter die Würde unverletzlicher Privatheit verwehren.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 48. Woche im November 2013)

Quergedanken Nr. 105

ape. In aller Bescheidenheit halte ich mich für einen, der sein Hirn in der Regel halbwegs zu gebrauchen weiß. Gelegentliche Ausnahmen bestätigen dieselbe. Nun passieren aber Sachen, die ich ums Verrecken nicht begreife. Wie kann jemand auf die Idee kommen, „Tal total“ ohne für Autos gesperrte Rheinufer-Bundesstraßen abhalten zu wollen. Das wär' wie Münchner Oktoberfest ohne Bier, Rhein in Flammen ohne Feuerwerk oder Rosenmontagszug im Wald.

Es war doch gerade das Geniale an „Tal total“, dass B9 und B42 im Mittelrheintal alljährlich einen Tag vom Auto befreit sind und radelndem, skatendem oder sonstwie nichtmotorisiert kreuchendem Volke total überlassen bleiben. „Autofreies Rheintal“ ist der Wesenskern der 1992 als Trendsetter entstandenen Veranstaltung. Inzwischen zu teuer, zu aufwändig und von 150 000 auf 70 000 Teilnehmer geschrumpft? Je nu, wenn's nicht mehr geht, dann bringt die Sache halt zu einem sauberen Ende. Jede Mode hat ihre Zeit, diese ist vielleicht abgelaufen. Doch quetscht „Tal total“ nicht als zwar berühmte Marke, aber mit bald völlig anderem Inhalt total daneben auf den Radweg.

Anderes Thema, ebenso unbegreiflich: Warum nur sind Heerscharen von Firmen hinter meinen Personaldaten und meinem Netzprofil her wie der Teufel hinter der armen Seele? Angeblich bezahlen sie Google, Facebook und sonstigen hinterfotzigen Infosammlern sogar Geld dafür. Dass Geheimdienste das machen, ist zwar widerwärtig und revolutionswürdig, entspricht aber immerhin geheimdienstlicher Logik: Alles über alle wissen, um alle und alles unter Kontrolle zu haben. Was jedoch wollen Auto-, Möbel-, Versicherungs- oder Reisevermarkter etc. nebst der ganzen Bagage von Internethändlern mit meinen Daten? Antwort allenthalben: Dich mit zielgenau personalisierter Werbung zusch(m)eißen.

Ach Gott, das mit der Werbung habe ich auch nie begriffen. Die Werbefuzzis würden sich sofort erschießen, bekämen sie nur einmal mit, wie unsereins mit ihren Kreativergüssen umgeht: Gedrucktes unbesehen in die Tonne, Elektronisches per Spezialsoftware unterdrückt, TV-Werbung weggeschaltet, Telefonwerbung brutal abgewürgt. Wer mich erpressen will mit einem „Angebot nur noch bis ...“, mich einwickeln will mit „stylisch, ultimativ, optimal“ oder anlügt mit „beispiellos billig, schon ab XX Euro“, der hat sofort gewonnen – meine Abneigung. Hübsch gestaltete Sachinfos über was, wann, wo, zu welchem Preis gehen gerade noch an. Jede andere Ranschmeiße provoziert bei mir manchen Reiz, aber gewiss keinen Kaufreiz.

Und der Internet-Einkaufs-Hype geht mir sowieso am Allerwertesten vorbei. „Vorsicht, die halten dich für bekloppt“, warnt Freund Walter. Ist mir egal. Ich kaufe überhaupt nichts mehr im Internet, ich gehe einkaufen. Warum? Weil ich in den 60/70ern erlebte, wie die damals neuen Supermärkte und Kaufhäuser der Stadtzentren die Infrastruktur in Stadtteilen und Dörfern zertrümmerten. Weil ich seit den 80/90ern erlebe, wie die Gewerbegebiete auf der grünen Wiese den Zentren die merkantile Vielfalt austreiben. Weil ich jetzt nicht erleben will, dass der Internethandel (auf dem Rücken von Billiglohnsklaven) den letzten Rest von Urbanität aus verödenden Städten drängt. Herrschaften, wir alle stimmen mit den Füßen ab über die künftige Qualität unseres Lebensraumes. Lasst uns nicht schon wieder total daneben greifen – bloß aus Bequemlichkeit und Geiz.

 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 43./44. Woche im Oktober 2013)

Quergedanken Nr. 104

Alle kauen am Wahlergebnis, da muss ich meinen Senf nicht auch noch dazutun. Deshalb was ganz anderes: Landeskunde. Rief neulich eine Saarbrücker Redaktion bei mir an: „Können Sie mal eben nach Kaiserslautern fahren und was recherchieren?“ Ach jeh, wie einem Saarländer beibringen, dass mir als Mittelrheiner die Nachbarregionen NRWs und Hessens vertrauter sind als der ferne Süden des eigenen Bundeslandes? Meine Antwort: „Ihr seid mit dem Fahrrad schneller durchs ganze Saarland gestrampelt als ich von Koblenz mit dem Auto je in Kaiserslautern sein könnte.“

So ist das halt in Rheinland-Pfalz: Hier sind die meisten Wege weit. Hin und retour misst die Strecke Koblenz–Kaiserslautern 300 Kilometer, Mainz– Trier 320,  Remagen–Pirmasens 480. Und von Idar-Oberstein nach Betzdorf kann die einfache Autofahrt auch ohne Stau länger dauern als der Flug von Frankfurt nach Kairo. Weshalb seit der künstlichen Zeugung des Bindestrich-Landes 1946 sich neun Ministerpräsidenten redlich, aber mit mäßigem Erfolg mühten, ihrem Landesvolk ein Wir-Gefühl einzuimpfen.

Wird schon zusammenwachsen, was zusammengehört, hatten sie wohl gedacht. Fragt sich nur: Gehört wirklich zusammen, was da nach dem Krieg zusammengeschnürt wurde – weil's halt französische Zone war? Na ja, immerhin hatten wir Rheinland-Pfälzer schon einmal, unter Napoleon, alle zu Frankreich gehört. Und immerhin waren wir vor 2000 Jahren allesamt römisch. „Moment mal!“, tönt es von Westerwald und Taunus herab. „Wir waren nicht dabei. An uns haben sich die Römer die Zähne ausgebissen, eigens als Schutz gegen uns den Limes gebaut. Und von den Napoleonischen war nachher heroben auch nicht viel zu sehen.“

In der Tat erzählt sich die Geschichte der rechtsrheinischen Höhen ganz anders als diejenige des Rheintals und der linksrheinischen Gebiete. Schlimmer noch: Nach Ableben des Imperium Romanum zogen die selten brüderlich miteinander verkehrenden Erzbischöfe von Köln, Trier, Mainz Trennlinien zuhauf. Noch schlimmer: Mit dem Wiener Kongress 1815 wurden richtige Staatsgrenzen mitten durchs Land getrieben: Für rund 100 Jahre kam die Pfalz zu Bayern, fiel das Rheinland an Preußen, ging der Määnzer Puffer dazwischen an die Hessen.

Woher sollte bei so viel Trennendem der Humus für eine gemeinsame Landesidentität kommen? Zumal allein der nördliche Landesteil sich obendrein aus vielerlei Regionalvölkchen  zusammensetzt. Die sind einander von alters her zwar nicht spinnefeind, aber doch herzlich gleichgültig: Wäller, Nassauer, Hunsrücker, Eifelaner, Untermoselaner und Moseltrierer, Mittelrheiner, Ahrtäler, Siegerländer etc. – deren Dialekte zudem teils unterschiedlichen Sprachfamilien entstammen. Müssten die in ihren altvorderen Idiomen miteinander konferieren, es bräucht' bald so viele Dolmetscher wie in Brüssel.

Wir in Rheinland-Pfalz: Das ist 66-jährige Gewöhnung daran, von Mainz aus regiert zu werden. Überall herrscht stets Misstrauen, ob Landesentscheidungen die Regionen auch in gerechter Ausgewogenheit  bedenken. Was jeder Teil für sich sowieso bezweifelt. Ansonsten: Zieht es Rheinland-Pfälzer mal zum Urbanen oder Mondänen, macht die Hälfte „rüber“ – Pfälzer nach Mannheim, Heidelberg, Baden-Baden; Rheinhessen nach Frankfurt, gar Wiesbaden; Rheinländer nach Bonn, Köln, Düsseldorf. Denn dort sind wir allemal flotter als in irgendeiner der kleinen Großstädte im je anderen Teil unseres künstlichen „Heimatlandes“. 

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 39. Woche im September 2013)                                                    

 

Quergedanken Nr. 103

Der Titel des Musikstückes will mir gerade nicht einfallen. Aber jeder kennt das Motiv: Einsame, schwermütige Töne einer Slideguitar beugen sich melancholisch durch Moll-Intervalle. Vom Fernsehen wird diese Musik stets bemüht, wenn Bilder trostloser, gottverlassener, sterbender oder gestorbener Gefilde zu untermalen sind: vergessene Straßen irgendwo am Arsch der Welt; Geisterstädte des Wilden Westens; verblühte Industrielandschaften; bröckelnde Wohngebiete; barmende Wälder/Felder/Flüsse; schrundige Gesichter aus der Welt gefallener Menschen. Wann immer das Motiv erklingt, singt es schweigend: „Hier bewegt sich nichts mehr, hier ist weder Anfang noch Hoffen, nur Warten aufs Ende.“ Manchmal haucht es auch: „endlich Ruhe.“

Das ist der Blues. Gespielt wurde er im August durch alle Nachrichtensendungen inklusive „ARD-Brennpunkt“ zu Bildern vom stille dümpelnden Mainzer Hauptbahnhof. Es mag einem seltsam erscheinen, aber so simple Einrichtungen wie Bahnhöfe haben offenbar das Zeug zu gehöriger Prominenz. Zuletzt hatte ein schwäbischer Bahnhof Schlagzeilen gemacht wegen Tieferlegung für vier, sechs oder mehr Milliarden Euro. Jetzt steht der Mainzer Bahnhof im Fokus, weil dort über die Jahre am Stellwerkspersonal ein paar zehntausend Euro eingespart wurden. Was Freund Walter auf den Gedanken bringt: „Mag sein, dass in Stuttgart am Ende das gleiche Ergebnis erzielt wird wie jetzt in Mainz: störanfälliger Bahnbetrieb mit hochmoderner Neigung zum Stillstand. Fragt sich, warum die Bahn dazu bei den Schwaben nicht gleich nach Mainzer Methode verfährt. S'tät schließlich nix koschte, sogar ebbes eibringe und ganget viel schneller.“

Bisweilen kommt einem der Verdacht, die dereinst vom Rotgrün-Kanzler Gerhard Schröder bei Hartmut Mehdorn in Auftrag gegebene Fitmachung der Bahn für den Börsengang verfolge klammheimlich ein ganz anderes Ziel: Umwandlung des deutschen Eisenahnwesens ins weltgrößte Kabarett. Denn die dramaturgische Beziehung zwischen bahnlicher Realität und bahnlicher Werbung folgt unverkennbar der Satire-Logik. „Alle reden vom Wetter, wir nicht“ oder „Die Bahn macht mobil“: Die DB-Werbeabteilung weiß doch um die extrem hohe Wahrscheinlichkeit, dass Anzeigen mit solchen Slogans in den Zeitungen mit Berichten über vielerlei Erscheinungen des geraden Gegenteils zusammentreffen.

Vereiste Weichen und Oberleitungen im Winter, streikende Klimanalagen im Sommer, Achsenbrüche, wegfliegende Türen, verspätete oder ganz ausfallende Züge, überfüllte Wagen, Abstrusitäten bei der Fahrpreisgestaltung, Null-Service auf desolaten Provinzbahnhöfen (wo es sie noch gibt), Spar-Service auf Hauptbahnhöfen, Berliner S-Bahn-Krise, jetzt Mainzer Zusammenbruch... Der ganze Zirkus begann 1994 mit der Umwandlung der Deutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG. Die olle Bürger-Bahn sollte schicke Börsen-Bahn werden – und geriet dabei vom Regen in die Traufe. Sprich: Aus der zuvor recht drögen, teuren Behörde ist ein aus Nutzersicht konfuses, chaotisches, ineffektives Profitcenter geworden.

DB heute = die Lachnummer Europas. Hungert sich daheim den eigenen Leib krank, weil ein großmannssüchtiger Wasserkopf partout im globalen Kasino mitzocken will. Ach, der Gerhard und der Hartmut, das sind schon zwei Kerle! Der eine macht nun in Gas, der andere in Flughafenrettung. Und was bleibt uns? Der Blues, der Mehdorn-Blues. Nicht nur in Mainz und nicht bloß bei der Bahn.       

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 34./35. Woche im August 2013)

 

Quergedanken Nr. 102

Es gibt so Wörter, die gibt es offiziell gar nicht. Wenn viele Leute sie aber lange genug benutzen, gibt es sie plötzlich doch. „Fluffig“ ist so ein eigentümlich wunderbares Wort. In meinem jüngsten Duden (von 2006) steht es drin, im zerfledderten Vorgänger von 1996 fehlt es noch. Ich bin sehr glücklich, dass wir „fluffig“ haben, es auch schreiben dürfen, folglich mancherlei damit bezeichnen können, auch uns selbst so fühlen. Und was bedeutet es nun korrekterweise? Das ist das schönste an der Sache: Aufs i-Tüpfelchen genau weiß das wohl niemand. Spielt auch keine Rolle. Wie dies Wörtchen mit „flu“ über die Zunge perlt, sein „ff“ durch die Lippen haucht und unterwegs zur verschmitzten „ig“-Endung den  gespitzten Kussmund zum erwartungsfrohen Knutschmund öffnet – steht „fluffig“ in eigener Vollkommenheit für sich selbst.

Der Duden übersetzt es bloß als „leicht und locker“. Das lässt an gelungenes Püree, wohlgeratenen Apfelstrudel oder kandierten Eischaum denken. Womit aber nur ein Bruchteil der Verwendungsmöglichkeiten für das Wort erfasst wäre. Bei meinem Freund Walter etwa hat sich „fluffig“ zum schieren Tick ausgewachsen, seit auf den Juni-Spätwinter wider Erwarten doch noch echte Sommertage folgen und die Frauen mit „fluffiger“ Garderobe in „fluffiger“ Stimmung Straßen und Plätze endlich wieder zum Leuchten bringen. Da können die Stadtgestalter in Koblenz oder Neuwied, Bad Ems, Mayen oder Montabaur sich noch so sehr mühen: Ohne entspannt durch die Stadt swingende Mädchen, Frauen, Damen bleibt Urbanität ein frommer Wunsch.

Ach Gott, verehrte Kritiker/innen, mit Sexismus hat das gar nix zu tun. Das ist eine Frage der Ästhetik (wie sie halt kein Mann hinkriegt). Eine Frage der Schönheit in der Unterschiedlichkeit, ohne die etwa „Summer in the City“ ein hohler Spruch bleibt – ähnlich dem jüngsten Werbeslogan eines großen Kaufcenters. Beim Anblick dieser Parole musste ich mich neulich auf dem Koblenzer Zentralplatz fast übergeben: „Wir shoppen nicht mehr, wie kaufen uns glücklich.“ Rund 20 Jahre hat es gebraucht, bis die Werbefuzzis „Shoppen“ als eine Art Lebensqualität im allgemeinen Bewusstsein verankert hatten. Jetzt reicht ihnen die Mischung aus großem Einkauf nebst Flanieren, Kaffeetrinken, Eisessen nicht mehr. Das umsatzschwache Beiwerk soll verschwinden, allein das richtige Kaufen als wahres Glück empfunden werden. Walter nennt das „merkantile Pornographie“: kein Vorspiel, kein Nachspiel; rein, raus; Ware gegen Geld; fertig.

Versuchen Sie mal, darauf das Wort „fluffig“ anzuwenden. Gleich kriegen doch Mundwerk und Hirnwindungen Krämpfe. Bei Ihnen nicht?! Dann gehören Sie womöglich auch zu den Leuten, denen es egal ist, dass fremde und eigene Geheimdienste, ausländische und inländische Internetfirmen mitgucken und mithören (können), wenn Sie mit Gott und der Welt kommunizieren oder mit Ihren Liebsten Privatestes raspeln. Walter hat neulich ein Experiment gemacht: Er setzte sich wortlos zu wildfremden Menschen an den Café-Tisch, schaute sie minutenlang an und hörte ihren – rasch verstummenden – Gesprächen zu. Beschwerden ob dieser Ungehörigkeit konterte er mit der Bemerkung: „Ich will nichts von Ihnen; Sie sehen mich auch nicht wirklich; eigentlich bin ich gar nicht da. Allerdings geht es mir hier im Café viel besser, als meinen armen Kollegen in Ihrem Smartphone.“ Walter fand  das „fluffig“, die Betroffenen weniger.

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 30. Woche im Juli 2013)   

Quergedanken Nr. 101

Potzblitz, da war vielleicht was gebacken neulich! Ein paar Tausend Mittelrheiner auf den Barrikaden. Prima, lobenswert. Wenngleich mir einige Umstände auch etwas seltsam vorkamen. In vorderster Front, schunkelnd und ein Karnevalslied schmetternd, die vereinigte Honoratiorenschaft. Vom Genossen Hofmann-Göttig tollkühn angeführt wie dereinst das Franzosenvolk von Marianne. Nur dass der Koblenzer OB die Jakobinermütze verschmähte und sich im Gegensatz zur Pariser Revolutionärin mit züchtig geschnürtem Leibchen in den Aufstand stürzte gegen – – – wen eigentlich?

Spaß beiseite. Das Unesco-Welterbekomitee hat bei seiner Jahrestagung in Phnom Penh einem Weiterbetrieb der Koblenzer Seilbahn bis 2026 zugestimmt. Damit scheint alles im Lot auf dem schunkelnden Boot. Mit dem Abbau der Barrikaden müssen aber zugleich Gäule wieder eingefangen werden, die einigen Mittelrheinern in der Zeit des Aufruhrs durchgegangen waren. So das „Missverständnis“, es handle sich bei der Unesco-Tagung in Kambodscha um eine Versammlung vorzeitlicher Khmer-Häuptlinge, die eine Diktatur über den Mittelrhein ausüben wollten. Tatsächlich waren es Delegierte aus aller Welt, darunter auch deutsche. Die kommen an jährlich wechselnden Orten zusammen; 2010 war's Brasilia, 2011 Paris, 2012 St. Petersburg.

Nächstes Missverständnis, das aufgeklärt werden sollte, weil engagiert für oder gegen etwas streiten ja nicht erfordert, das Hirn an der Garderobe abzugeben: Liebe Leute, die Unesco will und kann uns gar nix „verbieten“, „vorschreiben“, „aufzwingen“. Sollten wir demnächst wollen, können wir Autobahnen in die Talflanken sprengen, von Koblenz bis Bingen eine Schwebebahn in den Rhein bauen oder jede Burg mit einer Dauerkirmes ausstatten. Das einzige, was die Unesco tun kann und auch muss, ist: prüfen, ob solche Einrichtungen noch mit den Kriterien für den von ihr verliehenen Welterbestatus vereinbar sind. Falls nicht, müsste sie als zertifizierende Organisation uns das Zertifikat aberkennen.

Das ist vom Prinzip her ein als logisch einzusehender Vorgang, wenn man mal die Perspektive wechselt. Angenommen, Italien wollte eine Aussichtsbrücke über das Kolosseum bauen oder Ägypten die Spitzen der Gizeh-Pyramiden mit einer Schwebebahn verbinden. Touristökonomisch wären das wohl Attraktionen höchster Effizienz, allerdings würden wir zurecht aufschreien: „Die spinnen, die Römer, und die Ägypter haben nicht alle Tassen im Schrank. Unser aller Kulturerbe derart zu verschandeln: das muss die UNO verhindern!“

Stimmt. Gilt aber auch für die eigene Nase. Man kann die Unesco nicht dafür beschimpfen, dass sie ihre Pflicht tut und die Sachlage prüft. Sollten dabei wirtschaftliche Lokalinteressen weniger gewichtet werden als manchem lieb ist, liegt das in der Natur des Welterbestatus – den der Mittelrhein wollte, der ihm nicht von der Unesco aufgezwungen wurde. Womit wir beim größten, hier seit Jahren gepflegten  „Missverständnis“ wären: Dieser Status sei in erster Linie als wirkmächtiges Marketinginstrument gedacht. Stimmt aber nicht. Oberster Zweck der Welterbekonvention war immer: Schutz, Erhalt und Pflege des kulturellen Menschheitserbes. Das muss man sich vergegenwärtigen, wenn wir alsbald über die Welterbeverträglichkeit neuer Projekte streiten. Schlusswort von Freund Walter: „Und das kommt – so sicher wie noch vor 2026 Subventionsbedarf bei der Seilbahn. Wetten?“    

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 26. Woche im Juni 2013)

Quergedanken Nr. 100

Als neulich noch bittere Winterkälte herrschte, schnüffelte Freund Walter in meinem Archiv herum. Füße am Ofen, auf dem Schoß das Laptop, spuckte er als Ergebnis seiner Recherchen aus: „Schon seit 2005 malträtierst du die Leute jeden Monat mit diesen Quergedanken-Dingern. Die Juni-Folge wird die 100. sein.“ Man hat ein Alter erreicht, da bergen solche Zählungen einen gewissen Schrecken: Verdammich, wie die Zeit verfliegt! Mir ist, als wäre ich eben erst vom festen Redakteursstuhl bei der Rhein-Zeitung aufgestanden, um mich ins freischaffende Journalistenleben zu stürzen. Tatsächlich liegt das schon gut acht Jahre zurück. Und der damals allererste Auftraggeber neben dem alten Stammblatt war das/die „Kulturinfo“.

Man darf zum Jubiläum ja mal in eigener Sache sprechen. Es war ziemlich mutig vom Herausgeber Günther Schmitz, einem Lästermaul wie mir in seinem auf Anzeigen gestützten Veranstaltungsmagazin eine vollkommen freie und unabhängige Kolumne zu geben. Nach einem vergleichbaren Format muss man in deutschen Anzeigenblättern bis heute lange suchen. Und wir waren anfangs alles andere als sicher, ob es auch funktionieren würde. Es hat prima funktioniert. Viele Mittelrheiner mögen die regional gefärbte Mischung aus augenzwinkerndem Leitartikel und holpernder Satire. Kaum ein Stadtgang, bei dem mir nicht irgendjemand zuruft (oder zuflüstert): „weiter so“. Gewiss, ein paar Leute beißen auch in die Tischkante vor Ärger über das, was da geschrieben steht. Doch lesen tun sie's jeden Monat wieder. Geht mir genauso – etwa mit Dieter Nuhr, dem empörungsfreien Schönwetterapostel unter den Kabarettisten. Bei dem, was er sagt, krieg ich bisweilen die Krätze; aber wie er es sagt, das hat was.

Allen wohl und keinem weh: das ergäbe Schlafmützigkeit. Weshalb Walter seit Jahren fordert, jede Kommune solle per Gesetz gezwungen werden, einen eigenen Satiriker anzustellen. Der müsste  arbeitsvertraglich verpflichtet sein, Großmächtigen wie Kleinleuten am Ort nach Art von Hildebrandt, Schramm, Priol, Pelzig und Co. regelmäßig öffentlich die Leviten zu lesen. Was dem Volk insgesamt und seinem nationalen Führungspersonal gut tut, könnte den hiesigen Herrschaften ja nicht schaden. Aber ach, was ein Geschrei gäbe es wohl, würde an dieser Stelle nur einmal ein mittelrheinischer Amtsträger nach gleicher Manier eingeseift und abgebürstet wie allweil Deutschlands Granden von den Besten des deutschen Kabaretts.

„Du traust dich ja nicht“, mault Walter. Heh, holla, nicht wenige der 100 Quergedanken-Folgen gehen bis hart an die Grenzen der in der Provinz gültigen Benimmkonvention. Und bedenkt man das zwischen den Zeilen Stehende, werden diese Grenzen öfter sogar überschritten. „Lüg dir keinen in die Tasche“ fährt der Freund mich an. „Du bist doch immer nur mit halb angezogener Handbremse unterwegs. Harmloser Feuilletonist halt, nicht zubeißender Kabarettist. Wo man mit dem Dampfhammer zuschlagen müsste, stichelst du bloß in klugscheißerischer Vornehmheit mit dem Gänsekiel herum.“

Das war's dann mit der Jubiläumsfreude. Bleibt mir nur zu sagen: Sorry, aber krachende oder  kunstvoll schelmische Pointen, wie große Satire sie braucht, gibt mein Hirn leider nicht her. Walter verdreht die Augen: „Vielleicht kapierst du bis zur 200. Folge, dass es manchmal schon reicht, wenn man freiheraus einfach sagt, was man denkt.“                                                              

(Erstabdruck/-veröffentlichung außerhalb dieser website 22. Woche im Mai 2013)

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