Quergedanken

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 191

Schreib was Nettes. Mach den Leuten Mut. Verströme Zuversicht und neue Lebensfreude. Sie haben es verdient, die meisten jedenfalls.

Walter zieht etwas unwillig die linke Augenbraue hoch, als er das mir selbst auferlegte  Motto für diesen Text sieht. „Übertreib’s nicht“, grummelt der Freund, „du könntest flott, statt Zuversicht, Leichtfertigkeit fördern. Denk daran: Noch haben zwei Drittel der hiesigen Erwachsenen gar keine Impfung und erst 15% die volle Doppeldosis. Kinder und Jugendliche nicht mitgerechnet. Wir würden uns doch gerne die letzten 10 000 Corona-Toten bis zur Hunderttausender-Marke und jede Menge Long- und Postcoronageschädigte ersparen, die eine vierte Welle wohl mit sich brächte.“

Ja, ja, alles richtig. Und gewiss gibt es auch unendlich viel zu kritisieren, jetzt, im Rückblick auf das Larifari-Seuchenmanagment in deutschen Landen sowie aktuell auf das gleichartige Impfmanagment. Ich (65) bin schließlich selbst betroffen von diesem Glücksspielautomaten, der im Mainzer Gesundheitsministerium anscheinend die Impftermine ausknobelt: Habe mich pünktlich nach dem Aufruf an die 3. Priogruppe korrekt online registriert zur Impfung im für mich zuständigen Zentrum Hachenburg, seither aber keinen Pieps mehr gehört. Gut acht Wochen ist das nun her. Derweil ich getreulich auf Terminzuteilung warte, rauschen auf allen Seiten zuhauf pumperlgesunde Altersgenossen ohne lange Wartezeit mit Pflaster auf’m Arm an mir vorbei; von unzähligen gesunden Jüngeren, die über die Arztschiene geimpft werden, ganz zu schweigen.

Neid? Ach was. Ich bin glücklich über jeden Neugeimpften, denn jeder einzelne senkt das Ansteckungsrisiko aller. Freilich erwarte ich schon, dass die Regierung wenigstens eine halbwegs ordentliche Impfkampagne hinkriegt, in deren Rahmen man auch ohne Trickserei, Mehrfachanmeldung, Beziehungen etc. ganz regulär in vertretbarem Zeitrahmen an eine Impfung kommt, selbst wenn man keinen Hausarzt hat. Vielleicht erklärt mal ein Psychologe der Politik, wie es auf  Millionen Bürger wirkt, die seit Wochen oder Monaten in Wartelisten stehen, wenn auf allen Kanälen fortwährend hauptsächlich über Deregulierung und Aufhebung der Impfordnung pallavert wird. Was soll das ab Juni werden? Ein Massenwettbewerb um die Spritze nach dem heute allfälligen Battle- oder Challange-Prinzip „die Stärksten, Schönsten, Gewieftesten gewinnen“?  

Doch eigentlich wollte ich ja Optimismus verbreiten. Also: Wir dürfen uns glücklich schätzen, ein Wunder mitzuerleben. Die Bundesnotbremse wirkt – obwohl sie gar nicht notbremst, sondern nur einmal mehr kleinen Gewerbetreibenden, Künstlern und Kultureinrichtungen, Gastroszene, Familien, Schülern, Studierenden etc. die Hauptlast der Seuchenbekämpfung aufbürdet. (Ach, was hätten wir uns mit ein oder zwei echten, z.B. auch die Großindustrie einschließenden bundesweiten Lockdowns früher an endlosen Malaisen ersparen können!). Und obwohl auch die Impfkampagne in Deutschland alles andere als ein Ruhmesblatt ist, kommt sie dennoch voran. Sollten nicht Leichtsinn und Irrsinn wieder alles verderben, könnte im Laufe des Sommers Mutter Chaos ein recht gesundes Kind gebären, das sich seines Lebens freuen darf.

Sollte sich indes abzeichnen, dass ich im Herbst der letzte Piecksanwärter sein könnte, bevor das Impfzentrum die Schotten dicht macht – dann kriegt der Mainzer Glückspielautomat einen Gong verpasst, der sich gewaschen hat. 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 190

Viele wissen es. Andere ahnen es, weil meine Präsenz in Zeitungen und an Vortragspulten mittlerweile gegen Null tendiert: Der Autor ist in den Ruhestand getreten. Das schon vor einigen Monaten. Während des ersten Lockdowns reifte der Entschluss, diesen Schritt um ein Jahr vorzuziehen – und mich bereits 2020 ebenso unauffällig aus dem journalistischen Getriebe zu verdrücken, wie ich es 34 Jahre zuvor durch eine Seitentür betreten hatte. Eine Mini-Kür nur wollte ich auf die alten Tage weiter pflegen: Gelegentlich noch eine Theater- oder Konzertkritik schreiben sowie mir das Vergnügen der „Quergedanken“-Kolumne gönnen. Alles nach Lust und Laune; den lieben Gott einen guten und mich einen von Pflichten freien Mann sein lassen. Theater/Konzert gibt’s momentan nicht, bleibt also: das hier.

Und was mache ich nun mit all der gewonnenen Verfügungszeit? „Er dreht am Rad“, meint Freund Walter schnippisch, „hat sich allerhand seltsamen Zeitvertreib zugelegt.“ Dieses grässliche Wort, Zeitvertreib, geht mir auf den Keks. Mit 65 Jahren will man keine Zeit vertreiben, man hat eh nur noch einen Rest davon übrig. Es geht darum, die verbleibende Lebensspanne mit interessanten, schönen, spannenden, genussreichen Elementen zu füllen – jetzt, da das Muss des Broterwerbs die Peitsche nicht mehr schwingt. Was also mache ich? Lauter Sachen, nach denen mir schon sehr lange der Sinn steht, die aber im Berufstrubel stets den Kürzeren zogen.

Nein, es drängt mich keineswegs zur Bereisung ferner Länder. Auf große Welttour würde ich auch ohne Pandemie nicht gehen wollen, weder per Flugzeug oder Luxusliner, noch in Abenteurermanier auf Zweirad, Pferd oder zu Fuß. Auch von früh bis spät nur auf der faulen Haut liegen ist zwar eine gelegentliche, doch keine dauerhafte Option. Walter zappelt herum und kann dann wieder das Wasser nicht halten: „Der Herr Kolumnist gerieren sich nunmehr als Kunstmaler, Pianist und  Selbstversorgungsgärtner.“ Richtig am lästerlichen, indes vor allem wohl neidischen Geplapper des Freundes ist immerhin dies: Das Edikt von Joseph Beuys, wonach „jeder Mensch ein Künstler ist“ (sofern er sich aufrafft), steht als Leitmotiv über meinem neuen Lebensabschnitt.

Will sagen: Zwar kann nicht jeder malend mit Da Vinci oder Van Gogh gleichziehen, schreibend mit Heinrich Heine oder Thomas Mann, musizierend mit Anne-Sophie Mutter oder Alfred Brendel, bauend/gartenbauend mit Schinkel oder Lenné … In höherem Anfängeralter nach derartiger Meisterschaft streben zu wollen, wäre vermessen und vergebliche Liebesmüh. Doch steckt in JEDEM Menschen kreatives Potenzial, die Fähigkeit also, irgendwas irgendwie nach eigenem Gusto zu gestalten. Hat man die Lust an solchem Tun erstmal geweckt, gibt es für viele Neuaktive kein Halten mehr. Weshalb wir über die pandemischen Monate hunderttausendfach neue Einstiege in gestalterische Hobbys und Passionen erleben dürfen.

Tja, und mich zieht es nach gut drei Jahrzehnten Schreiberei nun halt zum Selbermachen just in die wortlosen Künste – hin zum inzwischen ein halbes Leben lang brach gelegenen Klavierspiel sowie hinein in die mir zwar theoretisch vertraute, aber eigenpraktisch völlig fremde Welt des Zeichnens und Malens. Das ist eine wahrlich aufregende Abenteuerreise, wo nicht das Ziel, sondern aus Spaß an der Freud der Weg des experimentierlustigen Dilettanten als höchster Wert an sich zählt. Gelle, Walter, da würdest du gerne mitgehen? Dann mach’ halt!         

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 189

Reden wir mal übers Essen. Davon sind alle betroffen, hat jeder Ahnung. Denn alle müssen essen – egal wie das Wetter ist und was sich ringsumher mehr oder minder Dramatisches abspielt. Ein Entschluss Walters brachte das Thema neulich bei uns aufs Tapet. Als wir nach geraumer Zeit mal wieder zusammen durch den Wald stapften, bemerkte der Freund beiläufig: „Ich bin seit drei Wochen Vegetarier.“ Hoppla! Staunen meinerseits, schließlich ließ der Kerl sich über Jahrzehnte zu Schnitzel und Steak, Braten, Gulasch und meinem Weihnachts-Truthahn nie lange bitten.

Nein, ich bohrte nicht nach seinen Beweggründen. Nach unzähligen Stunden Diskussion über Elend, Gefahren, Schande von industrieller Massentierhaltung und Fleischverramschung sowie über das ökologische Desaster der maßlosen Fleischfresserei weltweit, war Walter einfach reif für solch einen Schritt. Er ist halt der Typ für derartige persönliche Radikalkonsequenzen. Da kann, will ich auch nicht mithalten –  obgleich ich jedem, der zum Vegetarismus und Veganismus wechselt, mit Freuden Beifall spende.

Mein Bemühen als bekennender Allesfresser gilt seit Jahren der quantitativen Verminderung des eigenen Fleischkonsums bei zugleich weitgehendem Umstieg auf  Bio-Fleischwaren. Das Ergebnis ist recht ordentlich: Verglichen mit den 1990ern, kommen bei mir heute zwei Drittel weniger, dafür qualitativ hochwertiges Fleisch aus, sagen wir: respektvoller Tierhaltung auf den Tisch. Viel weniger, aber besser: Im Geldbeutel macht das kaum einen Unterschied, in der Ökobilanz jedoch einen beträchtlichen. Was ich den Freund indes unbedingt fragen musste: Plagt dich denn bei der neuen Fleischabstinenz nicht die Lust auf Fleisch? Es folgte eine jener typischen, wunderbaren Walter-Antworten:

„Mögen sich im deutschen Sprachbild die Begriffe Lust auf Fleisch und Fleischeslust auch noch so nahestehen, es sind zwei völlig verschiedene Lüste. Die Fleischeslust wirst du qua Natur nie los, der sexuelle Trieb zwickt und zwackt die meisten Männer wie Frauen ihr Lebtag, mehr oder minder heftig. Ob man ihn zügelt, kultiviert und einhegt auf gegenseitiges Wollen, ist letztlich eine Frage des Willens, der Willenskraft. Die Lust auf Fleisch ist hingegen eine Frage nur des Wollens; es gibt keinen menschlichen Trieb, Fleisch essen zu müssen. Ich komm’ also klar. Zumal wir in den letzten Jahren ja alles munter probierten, was unsere vegetarischen und verganen Freunde und Verwandte auffuhren – und dabei auch allerhand Leckeres entdeckt haben.“  

So wenig ich auf des Freundes Beweggründe insistierte, so wenig versucht er, mich zu missionieren. Friedliche Koexistenz der Ernährungsweisen herrscht schon seit einigen Jahren auch an den meisten Gartengrills unserer Bekanntenkreise: Auf jedem Rost ist selbstverständlich ein Bereich reserviert für Grillkäse, Tofuwürstchen, Schmorgemüse und neuerdings auch Fleischersatzprodukte. Überhaupt: Mir ist seitens der Vegetarier und Veganer Missionierungseifer wesentlich seltener begegnet als abfällige Witzelei und versuchte Lächerlichmachung der sich vegetarisch/vegan Ernährenden durch Fleischtraditionalisten in Fastnachts-Bütten und auf Comedy-Bühnen. Das sage ich als bekennender Allesfresser – und ärgere mich darüber, dass mancher Allesfresser offenbar allein schon in dem Umstand, dass jemand aus guten Gründen kein Fleisch essen will, einen Generalangriff auf seine überkommene Lebensart sieht.

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 188

Nach zweimonatiger Corona-Zwangspause darf ich für diese Stelle mal wieder zur Feder greifen. Von einer der schönen Seiten des Lebens sollte die schreiberische Rede gehen, nicht wieder von der vermaledeiten Seuche. Von hübschen und aufhübschenden Modetrends wollte sie handeln, die in der warmen Jahreszeit allüberall Kopf und Herz der TrägerInnen wie der Betrachtenden erfreuen. Doch kaum ist solch harmloser Gedanke gefasst, stolpert er über die (noch) nirgends umgehbaren pandemischen Unbilden.

Es sind nämlich die Modezyklen gehörig aus dem Tritt geraten. Die im Winter 2019/2020 erworbenen Teile aus den Frühjahrskollektionen konnten kaum ausgeführt werden. Genauso erging es den im Spätsommer 2020 gekauften neu-modischen Kleidungsstücken für die jetzt auslaufende Wintersaison. Flaniergarderobe, Club-Wirtshaus-Partygarderobe, festliche Garderobe … hängen nagelneu im Schrank, kommen im Lockdown mangels Gelegenheit selten bis nie der Mitwelt vor Augen. Ergo bin ich leider nicht in der Lage, verlässlich zu prognostizieren, was die Mode, insbesondere die für jüngere Frauen und reifere Damen, Reizendes in diesem Frühjahr/Sommer in die mehr oder minder belebte Öffentlichkeit bringt.   

Vielfach trifft das sogar auf Büro- oder Oberschul- und Uni-Garderobe zu; jedenfalls deren untere Hälfte. Sind die Herrschaften obenrum für die Schaltkonferenz aus dem Homeoffice noch schniecke geputzt, mag man sich kaum vorstellen, was unterhalb der Kameraerfassung an anrüchigem Verfall der Bekleidungskultur abgeht. Da dürfte mancher seinen Unwillen gegen Vorgesetzte klammheimlich in einen Gedanken packen, dessen Möglichkeit buchstäblich bereits vorbereitet ist: „Gleich spring ich ihm/ihr mit dem nackten Ar…. ins Gesicht“. Die alte Volksweisheit vom „Oben hui, unten pfui“ feiert auf diesem Feld derzeit fröhliche Urständ – und bestätigt so ein ewiges Gesetz des Modemachens, das mir aus kundigem Munde offenbart wurde: Je mehr gestalteter Stoff obenrum, umso weniger untenrum; und umgekehrt.

Dies Gesetz könnte nun unter den besonderen Bedingungen unserer Gegenwart auch zur Umkehrung besagter Volksweisheit führen. Denn ganz „oben“ wird reichlich hässlicher Stoff – unvermeidlich – die ausdrucksstärkste Partie unseres Körpers verhüllen: die medizinische Mund-Nasen-Maske das Gesicht. Und man baue für die zwischenmenschliche Beeindruckung bloß nicht so sehr auf die frei bleibenden Augen. Deren Kraft rührt nämlich nicht von den Glubschern selbst, sondern von ihrem Zusammenspiel mit Dutzenden von Gesichtsmuskeln. Die aber werden auch in diesem Sommer noch bedeckt sein.

Fällt Mimik zur Kommunikation weg: Was bleibt? Das „Unten“ muss sich umso eindringlicher Ausdruck verschaffen. Gemäß dem beschriebenen Gesetz des Modemachens gilt deshalb für Sommer 2021: Da im Gesicht so viel Stoff hängt wie nie, braucht es vom Hals bis zu Sohle davon sehr wenig. Freund Walter fällt mir begeistert ins Wort: „Folglich werden die Ladies sich für den Gang in die so oder so pandemisch begrenzte Welt – kontrastierend zur Seuchenmaske – zuhauf kleiden in nackte Schultern, Arme und tiefe Dekolettés, einige werden Bauchfreiheit bis fast hinab zur Venus pflegen, andere Beinfreiheit bis hinauf zur ersten rückwärtigen Mondrundung. Das wird hübsch – obwohl auch viele diese Mode tragen werden, denen sie eher weniger steht. Und mögen die Götter verhüten, dass die Mannsbilder all ebenfalls auf diesen Trend verfallen.“    

 

Monatskolumne "Quergedanken" 187

Die nachfolgende Nr. 187 meiner Monatskolumne "Quergedanken" hatte Redaktionsschluss einige Tage bevor bekannt wurde, dass Bundesregierung und Länderchefs das Corona-Virus über Weihnachten und bis Neujahr in den Urlaub schicken würden. Der Text geht also noch davon aus, dass heuer die Feiertage - epidemiologisch vernünftiger Weise - nur im allerkleinsten Kreis begangen werden. Denn dass Festivitäten mit zehn Erwachsenen plus Kinderscharen zugelassen würden, war zum Zeitpunkt des Schreibens nicht absehbar und für den Autor auch undenkbar. Gleichwohl muss ja nicht jeder alles ausschöpfen, was erlaubt ist. Insofern behält der Text dann doch ein gutes Quantum Gültigkeit - und sei es als Empfehlung.

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Egal, was ich nun über Adventszeit und Weihnachten in Zeiten der Seuche schreibe: Es wird LeserInnen geben, die sich darüber freuen, und solche, die sich ärgern. Das sogar, obwohl das Häuflein Coronaleugner und Umstürzlerchaoten ausdrücklich nicht Zielgruppe dieses Textes ist. Freund Walter besteht mit unzitierbaren Worten darauf, ich möge erklären, dass wir mit Leuten nichts mehr zu bereden haben, denen 1,3 Millionen Corona-Tote und das Leid auf den Intensivstationen völlig gleichgültig sind. Was hiermit geschehen ist.

Bleiben wir also bei der übergroßen Mehrheit der normalen Bürger. Je nach persönlicher Situation sieht ein Teil von ihnen der „stillen Zeit“ heuer traurig bis beklommen entgegen. Während andere durchaus eine Möglichkeit wittern, Weihnachten nicht auf die gleiche Art erleben zu müssen wie all die Jahre zuvor. Mal Hand aufs Herz: Für gar nicht wenige von uns war Stille in der stillen Zeit doch eher Mangelware. Zumindest teilweise. Oft war die Beschaffung überreichlicher Geschenke in prallvollen Städten und Läden oder aus dem unendlichen Angebot des Internets mehr pflichtgemäße, stressige Tortur als glückseliger Rausch. Und das (klammheimliche) Augenrollen über den feiertäglichen Aufgalopp von oder bei Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Kindern, Enkeln, Bestfreunden – es gehörte zu Weihnachten wie Kerzenschein, Plätzchen und ein gleichermaßen mit Rührseligkeiten wie Hau-drauf-Filmen nebst Horrorstreifen überquellendes TV-Programm.

Ja, ja, Walter, ist klar: Dir fehlt das be-sinnliche Happening namens Weihnachtsmarkt mit seiner Süßholzraspelei bei reichlichem Genuss süßgewürzten Heißalkohols. Kann ich irgendwie nachvollziehen. Denn auch ich denke etwas wehmütig an meine traditionelle Übelkeit zurück, alle Jahre wieder hervorgerufen durch mehrfachen Wechselgenuss von Bratwürsten, gebrannten Mandeln und Glühwein am selben Abend. Schön war‘s; doch, doch. Schön war auch immer das munter diskursive Gelage zu Heiligabend an unserer langen Tafel mit dir, den angereisten erwachsenen Kindern plus FreundInnen und dem von mir in der Küche stundenlang zugerichteten Riesenvogel.

Rien ne va plus, Weihnachten 2020. Nichts (davon) geht mehr anno coronae 1. Richtiger gesagt: Vieles davon geht diesmal nicht in gewohnter Form. Es sei denn, man setzt sich gedankenlos über sämtliche Corona-Vorsichtsregeln hinweg. Aber vielleicht fällt nun dem einen oder anderen auch auf, dass womögliche einige Elemente der neuzeitlichen Form, Advent und Weihnachten zu begehen, so furchtbar gut auch wieder nicht waren. Die Zeit diesmal zu verbringen ohne Kauf- oder Glühweinrausch unter Menschenmassen; im allerkleinsten engsten Kreis mit bescheidener, aber liebevoller Beschenkung; in Ruhe, Zurückgezogenheit und Beisichsein: Böte dies nicht auch die Chance, ein Stückchen jener Lebensqualität zurückzugewinnen, die seit Urzeiten die Tage der längsten Nächte zur besonderen, zur stillen, zur so oder so „geweihten“ Zeit machte?

Nachtrag in eigener Sache: Es fällt mir im Traum nicht ein, meine Quergedanken-Kolumne umzubenennen, nur weil ein paar seltsame Leute neuerdings ganz unglaubwürdig, aber dafür sehr laut behaupten, „Querdenker“ zu sein. Meine „Quergedanken“ gibt es seit 2005 und sie haben stets mit tatsächlichem Nachdenken über das reale Universum zu tun. Dabei bleibt‘s. Basta.    

 

     

Monatskolumne "Quergedanken" 186

Ich hatte überlegt, mal wieder ein nettes Textchen über was Schönes zu schreiben; schließlich wird auch in Corona-Zeiten noch genossen, gelacht, gelebt, geliebt. Also etwa über die mir jüngst ins Auge gestochene „neue“ Hosenmode für Girlies und Ladies. Da wird wohl gerade die 4/5-Stretchjeans abgelöst, die mich in ihrer ästhetischen Wirkung die letzten Jahre über stets erfreute. Es verbreiten sich nun locker, luftig fallende Beinkleider im angedeuteten Matrosenschnitt. Ebenfalls in 4/5 Länge gehalten (also mit etwas „Hochwasser“), ist auch dieses Outfit gefällig anzuschauen, denn: In solcher Bux swingt der Trägerin Gang, tänzelt schier, strahlt selbstbewusste Leichtigkeit aus.

Dann allerdings fiel mir ein: Kurz nach Erscheinen unseres Magazins würde US-Amerika seinen Präsidenten wählen. Und das wiederum ist diesmal derart ernst, dass Geschreibsel über modisches Tanderadei fehl am Platze sein möcht‘. Immerhin entscheiden die Bürger der (noch) gewichtigsten Militär- und Wirtschaftsmacht auf Erden, ob ihr Land eine halbwegs ordentliche Demokratie bleibt,  mit zumindest einer vagen Chance auf weniger Rassismus, etwas mehr Sozialstaatlichkeit und ökologische Verantwortung. Oder ob weiter ein Lügenbaron auf dem Thron hockt, der Gott für einen weißen Amerikaner hält, Frauen, Schwarze, Latinos für dienstbares Zubehör,  Angela Merkel für eine Kommunistin und US-Kohle für das gesündeste aller Lebensmittel. Einen, der die USA  nach eigenem Bild umformen will und regieren nach dem Muster „der Staat bin ich“.

Doch just beim Schreiben dieser Zeilen Mitte Oktober werden die Einschläge der Corona-Seuche  ringsumher rasch zahlreicher, wuchtiger und rücken näher. Also dachte ich: Das mag den Leuten hier mehr auf den Nägeln brennen als selbst das Drama jenseits des großen Teiches (dessen Ausgang, sollte der „großartigste Präsident aller Zeiten“ im Amt bleiben, auch uns teuer zu stehen kommen könnte).

Es wurden jüngst neue Grundrechenarten entwickelt: die Attila-Naidoo-Maximierung und die Schwurbelminimierung. Bei deren Anwendung stellen sich 25 000 Demonstranten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen als 1,2 Millionen heraus oder reduzieren sich 210 000 Corona-Tote in den USA auf 12 000. Allerdings sind diese Rechenarten selbst bei einschlägigen Rechenkünstlern perdu, sobald ein schwerer Covid19-Verlauf sie selbst oder jemand aus ihrer nächsten Umgebung niederwirft. Gleiches gilt für alle, die aus dem bis eben gemäßigten Verlauf der Epidemie hierzulande den Schluss ziehen: Das Virus denke deutschlandfreundlich, werde auf deutschem Boden ganz harmlos. Liebe Leut‘, das Virus denkt gar nicht; es ist wie es ist und reagiert stets nur auf die Bedingungen, die wir ihm bieten. Sind diese günstig – wegen konfuser Schutzmaßnahmen und/oder weil sich zu viele Zeitgenossen gedankenlos oder mutwillig nicht an die AHAL-Regeln halten – langt Sars-CoV-2 überall schnell und kräftig zu.

Seit Monaten erleben wir in Politik und Gesellschaft lebhaften Streit, was wo wie wann an Eindämmungsmaßnahmen gegen die Seuche sinnvoll, vertretbar, angemessen, notwendig oder eher kontraproduktiv sei. Das geht in Ordnung, solange es sich um Dispute über den bestmöglichen Seuchenschutz handelt. Das geht nicht mehr in Ordnung, wenn das Gefahrenpotenzial der Epidemie bloß klein- oder gar weggeredet werden soll – bis irrwitziger Weise nicht mehr die Seuche, sondern der Seuchenschutz als Hauptfeind gilt.

Monatskolumne "Quergedanken" 185

Städter sind bisweilen blind für die Phänomene der regionalen Natur. Wiese ist für sie nur Wiese, Acker Acker, Wald Wald. Vom Getier erfreuen sie die Vögel, ihr Verhältnis zu Insekten ist gespalten und Wildschweine machen ihnen vom bloßen Hörensagen schon Angst – auch wenn sie nie mit freien Schwarzkitteln konfrontiert wurden/werden. Freund Walter ist so ein blinder Stadtmensch. Ihn muss man beim Spaziergang durch Wald und Flur stets mit der Nase aufs Interessante stoßen, von alleine bemerkt er herzlich wenig.

Bei seiner jüngsten Fahrt von Koblenz zu mir herauf in den Westerwald fiel ihm indes alles aus dem Gesicht. Denn selbst der großstädtische Naturblinde kann DAS nicht übersehen. Verstört verlangt er erstmal nach einem Schnaps und grummelt: „Es ist gruselig, entsetzlich, katastrophal.“ Nach einer Weile räumt er ein: „Wir hören und lesen davon, sehen ja selbst in unseren Parks oder im Stadtwald, dass es mit vielen Bäumen nicht zum besten steht. Aber vom tatsächlichen Ausmaß der Katastrophe hier draußen in den großen Wäldern macht sich in der Stadt kaum jemand einen Begriff.“

Was wühlt Walter derart auf? Er kam bei seiner Fahrt über die Landstraßen an Notkahlschlag auf Notkahlschlag vorbei. Er durchfuhr triste baumlose Areale, die bis eben von Fichtenwald bestanden waren. Der Blick über Waldhorizonte zeigte ihm wie von braunen Pocken durchseuchtes Grün – diese unzähligen Krankheitsmale, das sind die sterbenden oder schon toten, aber noch nicht weggeholzten kleineren Fichtenbestände und Einzelfichten inmitten des Mischwaldes. Ich zeige ihm bei einer Rundfahrt von Ransbach-Baumbach über Montabaur nach Rennerod, via Bad Marienberg und Altenkirchen wieder zurück noch mehr davon und noch mehr und immer mehr.

Der Westerwald ist von Schad- und Kahlstellen durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Das Fichtensterben infolge zu weniger Niederschläge, zu hoher Temperaturen, abgesunkener Grundwasserspiegel und schließlich der Heimsuchung der geschwächten Bäume durch den Borkenkäfer ist hierorts ins finale Stadium eingetreten: In fünf Jahren wird es diese Baumart – die  dereinst aus nördlicheren Gefilden eingeführt wurde, aber 200 Jahre lang mit dem hiesigen Klima ganz gut zurecht kam – heroben nicht mehr geben. In vielen anderen deutschen Waldlandschaften ist die Lage ähnlich oder noch schlimmer.

Bei den Fichten wird es nicht bleiben. Sie sind nur die ersten, weil genetisch für ein kühleres Klima gebaut, als wir es nun bekommen (haben). Wo noch einige Altbestände der inzwischen bereits von zwei Förstergenerationen verworfenen Quadratkilometer großen Monokulturen existieren, sind sie besonders empfindlich. Doch ich zeige Walter auch die bereits schwächelnden Ureinheimischen, deren Kränkeln das ungeübte Auge vorerst nur schwer erkennt: Buchen und Eichen mit zu geringer Blattdichte, zu vielen Trockenästen, Schädlingsbefall, zu früh herbstliches Braun annehmend. Schließlich ist auch deren Genetik in den letzten 10 000 Jahren von anderen Bedingungen geprägt, als der Klimawandel ihnen jetzt zumutet.

Freund Walter und ich sind eigentlich strikte Gegner von Katastrophen-Tourismus. In diesem Fall jedoch empfehlen wir, mal hinauszufahren in die Wälder – um selbst zu sehen, wie schlecht es um sie steht. Dann sage noch einer, Klimawandel gäbe es nicht, oder werde ein Problemchen erst irgendwann zu unserer Urenkel Lebzeiten. Wir stecken mittendrin. 

Kolumne "Quergedanken" 184

Freund Walter meint angesichts der Überschrift: „Übertreibst du nicht etwas?“ Keineswegs, mein Lieber. Ich sage ja nicht: Habt Spaß am Schnuffeltuch. Das wäre abwegig. Denn natürlich lebte es sich ohne Maske wesentlich angenehmer und einfacher (auch wenn die Maskierung durchaus nette Nebeneffekt hervorbringt: Der Blickkontakt zum Gegenüber ist intensiver; man hat stets gleich ein Gesprächsthema; so manch ein/e Schüchterne/r findet flotter Anschluss; man ist nicht mehr so schutzlos den Feuchtsprechern und Maulstinkern ausgeliefert ….). Es geht mir bei „Stolz“ um etwas anderes:

Jedesmal wenn ich dieser Tage zum kleinstädtischen Supermarkt, an die Tanke oder den Buchladen komme, erlebe ich, wie die Kunden in größter Selbstverständlichkeit ihre Mund-Nasen-Maske aufsetzen bevor sie eintreten. Ähnlich das Bild bei Metzger, Bäcker, Bioladen: Geduldig und mit Abstand stehen die Leute in der Schlange vor den Geschäften, warten, bis sie hineingehen können, halten derweil ein Schwätzchen. Sobald ich dies sehe, schleicht sich stille Freude in mein Herz. Warum? Weil es zeigt, dass mitmenschliche Solidarität und daran orientierte Vernunft nicht vollends aus der Welt verschwunden sind.

Öfter mal frage ich beim Einkaufen Leute, was sie vom Masketragen halten. Dann kommen ganz simple Antworten wie „muss halt“ oder „gibt Schlimmeres“ oder „nervt, geht aber nicht anders“ oder „habe mich dran gewöhnt“ oder „ich will nicht Schuld sein, wenn jemand an der Scheißkrankheit verreckt“ oder „wenn es hilft, is gut, falls nicht, schadet‘s auch keinem“ oder „hoffentlich ist dieser Mist bald vorbei“ …. Nur zweimal in all den Monaten stieß ich auf so etwas wie Empörung wegen „diktatorischer Zwangsmaßnahmen“ oder „die da oben machen halt das Hännesje mit uns“.

Das Geschrei von der „politischen Corona-Diktatur“ findet hier im Alltag kaum Widerhall. Eher herrscht Pragmatismus nach der Devise: „Wat mutt, dat mutt, solange das Virus nicht besiegt ist.“ Das entspricht den bisherigen Umfrageergebnissen, wonach rund 90% der Bevölkerung die Seuchenschutzmaßnahmen im Grundsatz für richtig halten, nur 10% meinen, sie seien überzogen oder komplett unsinnig. Gewiss, in jüngerer Zeit greift teils eine gewisse Maskenmüdigkeit um sich. Gefahrenverdrängung gehört nunmal zu den Eigenschaften der menschlichen Spezies. Und nur zu gerne wiegt sich mancher Zeitgenosse in der trügerischen Sicherheit der hierzulande erreichten Erfolge gegen die Seuche – oder will jenen Rufern glauben, die gegen alle neueren Erkenntnisse behaupten, Maskentragen und/oder andere Schutzmaßnahmen seien für den Arsch beziehungsweise sowieso überflüssig.

Gleichwohl: Die Mehrheit der Menschen im Land folgt bereitwillig den Regeln des Seuchenschutzes, nicht immer buchstabengetreu, aber doch im Großenganzen. Und das keineswegs, weil sie „Schlafschafe“ oder „dumme Untertanengeister“ wären. Sondern meist im Wissen darum, dass ihre Maske sie selbst weniger schützt, mehr die Mitmenschen. Weshalb sie das uralte Solidarprinzip leben: „Ich schütze dich, du schützt mich.“ Und darauf darf ein jeder, der so handelt, stolz sein. Sieht man obendrein im Fernsehen, dass überall auf der Welt zahllose Menschen unter den oft schwierigsten Bedingungen irgendwelche Mund-Nase-Masken tragen, kann man auch stolz darauf sein, einer die gesamte Erde umspannenden Bewegung der Humanität, Vernunft, Aufgeklärtheit und solidarischen Achtsamkeit anzugehören.

Monatskolumne "Quergedanken" 183

Es gibt Leute, die stellt das Corona-Reglement vor ein recht spezielles Problem. Dazu gehören Jugendliche und Singles. Das Problem: Woher in diesen Zeiten die Gelegenheiten nehmen zu jenen Begegnungen, Plaudereien, Spielchen, Tänzchen, derer es bedarf, wechselseitige Sympathien zu entwickeln, die mit der Zeit oder alsbald in leibeslüstlicher, womöglich auch herzentflammter Zweisamkeit enden? Freund Walter könnte von dieser Malaise einen Betroffenenbefund abgeben, würde er nicht von Tag zu Tag unruhiger und miesepetriger um sich selbst tigern.

Walter ist einer jener Zeitgenossen, in deren Lebensentwurf dauerhaft eheänliche Beziehungen nicht vorgesehen sind. Weshalb manche/r Bekannte ihn einen „Hallodri“ nennt. Das halte ich für daneben, denn während seiner Paarbeziehungen ist er durchaus ein treuer, aufmerksamer, hingebungsvoller Gefährte – für drei bis sechs Wochen, bisweilen gar für fünf bis zwölf Monate. Ein idealer Lebensabschnittsgefährte also, sofern man so einen Abschnitt nicht bloß als Vorspiel zum heiligen Lebenslänglich versteht. Mir wird die Eigenart des Freundes oft anstrengend, denn zwangsläufig bewegt er sich in kurzen Abständen stets erneut auf Freiers Füßen; wie zu Seuchenausbruch gerade wieder. Was allemal mit nervigen Gefühlsextremen einhergeht, die mir von Liebeleien noch aus Teenager-Tagen gut, aber zwiespältig in Erinnerung sind.

Hier nun liegt der Hase im Corona-Pfeffer – für die der Zweisamkeit bedürftigen Singles jeden Alters ebenso wie für die von Natur aus ohnehin allweil liebes- und paarungsbegierigen Teens und Twens. Die Clubs geschlossen, die Wirtshaustheken gesperrt, Festivals, Partys, Kirmes, Weinfeste und demnächst womöglich gar die Schunkel- und Bützes-Fastnacht abgesagt. Mithin stehen die meisten der analogen Kennenlern-, Flirt- und Annäherungsräume nicht zur Verfügung.

Seit ich in einem Wissenschaftsartikel las, dass Mangel an liebevollem bis libidinösem Körperkontakt leiblich wie seelisch krank machen kann, verstehe ich, warum Walter inzwischen derart elend ausschaut  – und eine Menge junge Leute sich wider besseres Wissen an Abstandsregeln vorbeimogeln. Damit kein Missverständnis aufkommt: Verstehen bedeutet nicht gutheißen. Die schönste Fete nebst Gelage, Schwof, Umärmelung, Händchenhalten, Knutscherei stieße bitter auf, wenn nachher ganze Stadtbezirke stillgelegt werden müssten, gar einige Mitmenschen den Löffel abgäben. Ja, ja, ich weiß: Letztlich bleibt jede Teleflirterei mit oder ohne Cybersex ein Langweiler im Vergleich zum echten Leben. Lasst trotzdem Vorsicht walten!  

Nicht nur an Walter kann man dieser Tage einen lustigen Nebeneffekt beobachten: Er raspelt bei jedweder Gelegenheit auf witzig-charmante Art mit maskierten Frauen Süßholz. Bemerkenswert ist, dass selbige im Supermarkt, an der Bushaltestelle oder sonstwo draußen sich vielfach unbekümmerter darauf einlassen als in Präcorona-Zeiten. Maske und Ausnahmezustand machen seltsame Dinge mit so manchem Menschen. Ich glaube, das ist – trotz des Ernstes der Seuche – zwischenmenschlich ähnlich wie im Karneval.

Eben erzählt der Freund durchaus hoffnungsvoll von wiederholten Zufallsbegegnungen mit einer aufgeweckten, humorvollen Frau im Supermarkt. Der Körperkontur nach dürfte sie Anfang 40 sein, meint er. Ihren Augen nach, hat sie auch ein hübsches Gesicht, meint er. Was mag passieren, wenn beide sich erstmals ohne Maske gegenübertreten?

Monatskolumne "Quergedanken" 182

Es gäbe ja wirklich Wichtigeres. Aber da das ganze Land sich über diese „Hygienedemos“ aufregt, habe ich mir das Phänomen mal genauer angeschaut. Nach Betrachtung von Reden und Botschaften dort, von Presse- und Augenzeugenberichten darüber, komme ich zu dem Ergebnis: Politisch macht mir diese konfuseste „Bewegung“ der Nachkriegsgeschichte keinen so argen Kummer, epidemiologisch indes größte Sorgen. Ihr einziger gemeinsamer Nenner beruht auf einem Irrtum bzw. einer Lüge, die von der Realität im Ganzen wie individuell jederzeit unangenehm spürbar aufgeklärt werden kann: Sars-CoV-2 existiere gar nicht oder sei völlig harmlos.

In allen übrigen Fragen liegen die Ansichten der beteiligten Grüppchen, Sekten, Leute derart weit auseinander, dass sie wohl alsbald aufeinander losgehen werden. Was, wenn Esoteriker, alternative Impfgegner, Aussteiger, libertine Internationalisten, verirrte Linkradikale, abgedrehte Hippies, vermeintliche Freidenker sowie etliche vom Seuchenschutz genervte Kleinbürger bemerken, mit was für einem Gelichter sie sich da eingelassen haben: mit komplett durchgeknallten Verschwörungsspinnern, vor allem aber mit der Generalmobilmachung hiesiger Rechtsradikaler und Querfrontler.

Denen ist Corona völlig schnuppe und der Unmut gegen „Freiheitsbeschneidung“ durch vermeintlich „überzogene“ Seuchenschutzmaßnahmen nur willkommenes Mittel zum Zweck: Destabilisierung des Gemeinwesens um jeden Preis. Und das betreiben sie ausgerechnet unter dem Deckmantel der Verteidigung von Demokratie, Verfassung, Bürgerrechten, Freiheit – obwohl rassistischen Nationalisten wie auch autoritätssüchtigen Putin- und Trumpverehrern genau diese Werte am Allerwertesten vorbeigehen. Während die Rattenfänger sogar vom „revolutionären Bürgerkrieg gegen die Diktatur“ des nach ihrem Duktus mal links-grün versifften, mal kapitalistischen, mal vom „Weltjudentum“ dominierten Establishments träumen, wollen die anderen bloß zurück zu ihrer altgewohnten Lebensweise.

Jener Teil der „Bewegung“, den Corona und Bürgerrechte im Grunde nicht die Bohne interessieren –  und der für die bunt-skurrile Mischung des anderen Teils in Wahrheit nur Verachtung übrig hat –  weiß genau, was er tut. Das Gros der übrigen Unmutsgemeinde hingegen wird früher oder später entsetzt feststellen, dass ihre „Verbündeten“ sie nur als Manövriermasse für Ziele missbrauchen, die mit dem eigenen wütenden Drang auf bedingungslose Rückkehr zur Normalität herzlich wenig zu tun haben.

Da höre ich Freund Walter hinter seiner Schutzmaske maulen: „Herr Gott, musst du ellenlang die Abstrusität einer kleinen Randbewegung aufdröseln? Ach was, Systemkritik, Widerstand gegen die Obrigkeit, Verteidigung der Bürgerrechte – diese Sesselfurzer von eingebildeten Freiheitskämpfern, Traumtänzer, Gesundbeter, Scheibenwelt-Experten wissen doch gar nicht, was das ist. Bedeutsam an ihnen ist nur: Sie bieten mit ihren oft masken- und abstandslosen Zusammenrottungen dem Virus ein ideales Sprungbrett, uns alle erneut und noch tiefer in die Scheiße zu reiten. Das ist kein Protest, sondern de facto biologische Kriegsführung gegen die Gesellschaft. Das ist so, als hätten wir in der Anti-AKW-Bewegung Castorbehälter in die Luft gesprengt. So meschugge waren wir aber nie. Auch die Millionen Kids von Fridays für Future weltweit sind vernünftiger und verantwortungsvoller als diese „besorgten Erwachsenen“: Sie gehen derzeit nicht auf die Straße zum Demonstrieren, obwohl sie allen Grund dazu hätten.“ Walter ist zornig, sehr zornig.

 

Die neuen "Quergedanken" 181(b)

Liebe Mitmenschen, dies schreibe ich am 22. März im Jahre Corona. Da konferieren Kanzlerin und Ministerpräsidenten gerade per Videokonferenz über die nächste Stufe der Maßnahmen gegen die Seuche. Man darf davon ausgehen, dass die deutschlandweite Ausgangssperre kommt, wenn nicht heute, so wohl bald. Es wird nicht der letzte Schritt sein. Gestern hat Italien alle Fabriken geschlossen, die keine lebenswichtigen Produkte herstellen. Auch das wird nicht auf Italien beschränkt bleiben.

Wir sind im Notstand, jede/r und das Ganze – selbst wenn Berlin vor Inkraftsetzung der Notstandsparagraphen des Grundgesetzes noch zurückschreckt. Das würde quasi die Verhängung des Kriegsrechts bedeuten. Davor graust es jeden freiheitsliebenden Zeitgenossen. Als Typ, der sein Lebtag der Obrigkeit skeptisch bis renitent gegenüberstand, zu dessen Naturell Gehorsam so wenig gehört wie Anpassung an irgendwelche Trends: Als solchem sind mir schon die bisherigen Einschränkungen der Freiheiten richtig widerwärtig. Dennoch plädiere ich seit Tagen für noch schnelleren, härteren, durchgreifenderen Seuchenschutz, vom Staat verbindlich für jeden verhängt und durchzusetzen. Wat mutt, dat mutt.

Es ist, wie wir nun merken, im Ernstfall der Staat Angelpunkt des Geschehens. Die Märkte regeln von sich aus herzlich wenig, und die schlimmsten Hysteriker toben an den Börsen. Es ist der Staat, der die Wirtschaft halbwegs in der Spur und die Unternehmen am Leben erhalten muss. Es ist der Staat, der im Interesse der Allgemeinheit den uneinsichtigen, mit Empfehlungen nicht erreichbaren kleineren Teil unserer Bevölkerung zu vernünftigem Verhalten zwingen muss.

Ausgerechnet Herr Söder, mit dem mich sonst fast nichts verbindet, avanciert zum Seuchenhelden. Weil er zügig hinlangt, verordnet, durchdrückt, was zum Schutze des Gemeinwohls dem Einzelnen zugemutet werden muss. Und mir ist im Moment völlig egal, ob er damit klammheimlich das Kalkül verfolgt, sich für nachher in eine bessere Position als Kanzlerkandidat zu bringen. Vorher war vorher und nachher wird nachher sein. Wir werden später intensiv zu diskutieren haben, welche Weichen im neoliberalen Wahn über die vergangenen 30 Jahre falsch gestellt wurden. JETZT aber ist JETZT, und darauf allein kommt es an – in den nächsten Wochen, wahrscheinlicher vier, fünf Monaten oder etlichen mehr. Seuche verlangsamen und eindämmen, Leben retten: Das hat vorläufig  oberste Priorität, so sehr die Einschränkungen persönlicher Gewohnheiten oder wirtschaftliche Notlagen auch schmerzen.

Im Zivilen ist Solidarität nun erste Bürgerpflicht. Alle (können) wissen, was das bedeutet: Körperlicher Abstand ist Herzensnähe, Daheimbleiben rettet Leben und die Einhaltung der Seuchen-Etikette muss unseren Alltag durchdringen – bei Jung und Alt, Reich und Arm, Städtern und Landeiern. Gleichwohl gilt: Unterkriegen lassen wir uns nicht; gerade in der Notstandsisolation entdecken wir die Gemeinsamkeit und andere Lebensqualitäten neu. Zugleich durchflutet eine Welle der Hilfsbereitschaft sowie Anerkennung der Helfer die Gesellschaft. Zugleich auch setzen viele dem Schrecken Witz und Launigkeit entgegen. Das ist gut, denn würden wir die Heiterkeit vollends verlieren, hätten wir schon verloren. In Italien singen die Menschen abends trotzig aus Fenstern und von Balkonen: „Andrà tutto bene“ – alles wird gut. So lasst uns denn in diesem Sinne gemeinsam singen. 

Andreas Pecht

Entfallene "Quergedanken" 181(a)

Den nachfolgenden Text hatte ich am 1./2. März 2020 geschrieben. Mit ihm sollte meine Kolumne "Quergedanken" für den Monat Arpil bestückt werden. Damals - vor drei Wochen - war Corona noch eher ein leises Rumoren am Horizont und erschien ein Beitrag über den Normalzustand der modernen Zeit durchaus vertretbar. Am 16. März haben dann der Herausgeber des mittelrheinischen Magazins "Kulturinfo" und ich entschieden, diesen Beitrag in die Tonne zu treten. Grund: Inzwischen hatte das Virus auch hierzulande Stund' um Stund' Normalitäten ausgehebelt. Frappierender Zufall obendrein: Mein Text wünscht sich ausgerechnet etwas, was das Virus nun quasi im Vorbeigehen erzwingt - mehr Stille, mehr Ruhe. Bevor morgen die neu geschriebenen Corona-"Quergedanken" 181 (b) erscheinen, sei hier der Ersttext zur Kenntnis gebracht. Auf dass er nicht einfach so im Müll verschwinde. (ape)    

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ape. Gelegentlich leiht sich Walter mein Auto, um mit einer neuen Bekanntschaft einen netten Ausflug ins Blaue zu unternehmen. Er nennt das: „Vorspiel“. Das Nachspiel habe dann ich auszubaden: Einsteigen in die zurückgegebene Karre, Motor anlassen – und sofort kriege ich derart was auf die Ohren, dass selbige schier wegfliegen. Jedesmal vergesse ich, dass des Freundes erster Handgriff im Auto dem Radio gilt. Er schaltet es ein, dreht es gehörig auf und belässt es auch in diesem Zustand. Der freilich ist das genaue Gegenteil meiner automobilen Gepflogenheit: Das Radio habe ich nie in Gebrauch, fahre am liebsten ohne Ohrbelästigung.

Nicht, dass ich keine Musik mögen würde. Ich bin im Gegenteil ein großer Liebhaber von Klassik, Jazz, ja auch (besserem) Rock und Pop. Gerade deshalb höre ich recht selten Musik. Und schon gar nicht neben anderen Tätigkeiten her, sei es Fahren, Kochen, Bügeln, Sporteln, Holzhacken, Schreiben oder Lesen. Die Tonkunst hat ggf. meine ganze Aufmerksamkeit verdient. Hintergrundgedudel macht mich wahnsinnig. Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ im Fahrstuhl: Da krieg ich die Krätze, weil Perlen vor die Säue. Softbeschallung im Supermarkt macht mich aggressiv und völlig kaufunlustig (lest das, ihr Marketingpsychologen!). Im Restaurant kann mir musikalische Untermalung den Appetit verderben und auf der Toilette das Geschäft ruinieren. Musik zu beiläufigem Säuseln und Raunen verwurstet, ist in meinen Ohren nur noch Geräusch, sprich: Krach.   

„Du hast diesbezüglich eine Macke“, meint Walter, als ich ihn anmotze wegen des radiophilen Krawallanschlags auf mein Gehör. Oh, ich habe eine Menge Macken – manche liebenswert, manche weniger, einige ganz aus dem Normalitätsrahmen fallend. Was die Geräuschkulisse in der Welt angeht, mangelt es mir wohl an der Fähigkeit, diese in stoischer Gleichgültigkeit hinzunehmen oder sie tatsächlich auszublenden. Mir kommen die Städte entsetzlich laut vor. Aber selbst auf dem Land, wo ich wohne, hat das Lärmen in den zurückliegenden 40 Jahren um ein Vielfaches zugenommen.

Auf der Landstraße, die 200 Meter hinter unserem Häuschen durch Wiesen und Wald führt, kam Anfangs alle Viertelstunde mal ein Auto vorbei. Heute surrt, brummt, dröhnt es da von früh bis spät, herrscht nur zwischen 2.30 und 5.00 Uhr so etwas wie Ruhe. Weshalb ich bisweilen zu solch nachtschlafener Zeit vergnügt in der Küche hocke, um mal wieder einen Moment der Stille zu genießen. Denn tagsüber ist Stille nichtmal mehr im tiefen Wald zu finden. Nein, ich spreche keineswegs von Vogelgezwitscher, Bachplätschern oder Rauschen des Windes im Blattwerk. Da können zwar etliche Dezibel zusammenkommen, doch die Stimmen der Natur verbreiten per se eine Art von Ruhe. Was man vom hektischen Rauschen der nahen A3, vom Gedonner der parallelen Intercitystrecke Köln/Frankfurt sowie vom steten Gebrumm des überfüllten Flugzeug-Highways hoch droben nicht sagen kann.

Krach ist das akustische Wesensmerkmal heutiger Zivilisation. Und als würde der moderne Mensch Stille fürchten wie der Teufel das Weihwasser, trägt er das Lärmen hinaus auch noch in die abgeschiedensten Weltecken. Manche Zeitgenossen ängstigt die Gefahr von Stille so sehr, dass sie ständig elektronische Lärmquellen am Körper mitführen. Müssten sie nicht, denn tatsächliche Ruhe und Stille sind so selten geworden, dass wir beide Wörter eigentlich aus dem Sprachgebrauch streichen könnten. 

Andreas Pecht   

 

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