Quergedanken

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 197

Schlechte Laune, die hat man mal ein paar Stunden, gelegentlich sogar den einen oder anderen Tag lang. Das gehört dazu. Denn des Lebens Umstände sind nicht nur Zuckerschlecken und die Mitmenschen nicht allemal liebens-würdig. Freund Walter ist eher der Tagelang-Typ, während ich Miesepetrigkeit bloß stundenweise aushalten kann, eigentlich nur ein paar Minuten. Das sind so Unterschiede, mit denen man leben muss; kein Beinbruch, der wiegt schwerer.

Dann aber gibt es Zeitgenossen, bei denen dauern Phasen schlechter Laune viele Wochen, gar etliche Monate an. Das kann nicht gesund sein. Aus mieser Stimmung wird da im Laufe der Zeit Griesgrämigkeit und Verbiesterung, die sich im unglücklichsten Fall zu einem regelrechten (unsympathischen) Charakterzug verfestigen. Wir alle kennen solche Leute, manchmal schauen sie uns sogar aus dem Spiegel an.

Walter und ich haben mehrfach besprochen, dass wir es so weit nie kommen lassen wollen. Daran erinnern wir einander, wenn mal wieder Entwicklungen eintreten, die seine, meine oder beider Laune in tiefste Kältezonen respektive höchste Zorneshöhen treiben. Wenn wir uns also sämtliche Zähne an der Tischkante ausbeißen oder aus dem Fenster springen könnten – jetzt wieder angesichts der Corona-Lage und all des damit verbundenen neuerlichen Unfugs (Stand 19. November 2021). Komme er nun von Seiten der Hinterherlauf-Politik oder von der kleinen Gruppe weltfremder Impfgegner, die sich als Opfer aufführen, objektiv jedoch Täter sind und die ganze Gesellschaft quasi in Geiselhaft nehmen. Nicht weniger frustrierend die Nicht-Ergebnisse der Klimakonferenz von Glasgow.

Gründe für schlechte Laune gibt es also reichlich. Schon ohne Corona war es schwierig, sich den Charakter der „besinnlichen Zeit“ und des „Festes der Liebe“ zu bewahren gegen Konsumräusche und der in Bild, Ton, Druck schlimmsten Werbeflut im Jahr. Weihnachten – egal ob als Christfest, Wintersonnwende, Raunächte-Feier oder einfach behagliches Zusammenkommen gedacht – ist real zur schieren Stresswalze mutiert. Es können die Glöckchen noch so selig klingen, kann ein Ros’ noch so prächtig entspringen: Zu keiner Zeit sonst gehen Familienkräche und Nervenzusammenbrüche derart auf Höhenflug wie eben vor und über Weihnachten. Jetzt nochmal die Seuche obendrauf. Prost, Mahlzeit.

Walter, meine Wenigkeit und unsere Bagage versuchen, dagegen mit der Methode „gutes Kabarett“ anzugehen. Die geht so: Da werden einem die bittersten Wahrheiten um die Ohren gehauen, freilich in einer Manier, bei der sich das Lachen kaum verkneifen lässt. Derart sollte es uns (hoffentlich) auch heuer und allen aktuellen Unbilden zum Trotz gelingen, dem „Fest“ seine angenehmsten Seiten abzuringen: Maßvolle Vorbereitung; in kleiner – durchgeimpfter und getesteter – Runde gut essen und trinken; gemütlich plaudern; ein paar bescheidene Liebesgaben austauschen, deren Bedeutung sich gerade nicht nach Geldwert bemisst; zu fortgeschrittener Stunde heiter ein paar Takte schräg singen sowie des Nachts ein bisschen dies und das. Braucht man mehr? Nö.

Wer noch nicht hat, sollte sich endlich impfen lassen. Auf dass er zu Weihnachten nicht womöglich im Spital liege und wie jetzt so viele von Seinesgleichen sich erstaunt frage: „Huch, wieso bin ich sterbenskrank?“. Bedenket: Niemand kann immer nur schlechte Laune aushalten, und froh zu sein, bedarf es wenig. In diesem Sinne sei ein angenehmes Fest gewünscht.

Andreas Pecht

 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 196

Manchmal, wenn Freund Walter und ich gemütlich beisammen sitzen, über Gott, Welt, die Menschheit (nicht zuletzt ihre weibliche Hälfte) plaudernd, machen wir ein Spiel. Das geht so: Wir klappern einige der aktuell am meisten diskutierten Themen ab und forschen nach Aspekten, die dabei eigentlich naheliegend wären, über die aber fast niemand spricht oder schreibt. Drei Beispiele seien in gebotener Kürze angeführt.

Erstens. Im Zuge der Energiewende – die nun hoffentlich flott massiv und ohne weiteres halbherziges Rumgeeiere in die Gänge kommt – werden auch für Solaranlagen gewaltige zusätzliche Flächen benötigt. In aller Munde ist bereits die Aufrüstung der Hausdächer. Zu recht, denn das sind Millionen ungenutzte Quadratmeter, deren Bestückung mit Solarzellen nichts und niemanden stören würde. Daneben gibt es noch ein anderes, schier unermessliches Flächenreservoir, an das aber kaum jemand denkt: vorhandene Parkplätze unter freiem Himmel. Die summieren sich deutschlandweit auf tausende betonierte, asphaltierte, gepflasterte Quadratkilometer – in jedem der wuchernden Gewerbegebiete, vor jedem Stadion, größeren Betrieb, Supermarkt, vor fast jedem Amt und vielen Schulen, neben jedem Freizeitpark oder populären Ausflugsziel… Allüberall riesige Flächen, die durch simple solartechnische Überbauung genutzt werden könnten. Walter kriegt deshalb jedesmal einen Tobsuchtsanfall, wenn er wieder irgendwo sieht, dass vormaliges Wiesen-, Acker- oder natürliches Busch- und Brachland in Solarparks umgewandelt wurde.

Zweitens. Liebe Leut’, seid ihr jemals gefragt worden, ob ihr demnächst vom eigenhändig gefahrenen Verbrenner- oder Elektroauto aufs selbstfahrende, autonome Computerauto umsteigen möchtet? Nö. Und würde man euch fragen, wäre die Antwort wohl meistenteils: „Wenn schon Autofahren, dann will ich selbst über Lenkrad und Hebel bestimmen, nicht dumpfes Frachtstück und Anhängsel einer vollautomatischen Maschine sein.“ Dennoch verausgabt inzwischen ein Heer von Ingenieuren und IT-Spezialisten Können und Milliarden Euro an die Entwicklung des autonomen Automobils. Wie kann es sein, dass eine derart fragwürdige und unbeliebte Technologie so peu à peu als DIE innovative Verkehrsentwicklung in die Köpfe rückt?  

Drittens: Nach der Flutkatastrophe vom Juli sollen nun überall die Sirenen wieder aufgebaut werden. Gut so. Mal vorausgesetzt, die Wiederaufbauer lassen sich nicht bloß von den „famosen Möglichkeiten“ neuartiger digitaler Steuerungstechniken für die Heulapparate blenden, sondern denken daran, dass die Dinger gerade auch dann funktionieren müssen, wenn Stromnetz und Internet ausfallen: Ich wüsste nicht, welches Sirenengetute bloß die Feuerwehr zur Übung ruft, welches vor russischen/chinesischen Flottenangriffen am Mittelrhein warnt und welches vor Katastrophen am Ort. Auch wüsste ich nicht, wie ich mich in letzterem Fall (welcher Fall: Sturzflut, Orkan, Feuerbrunst…?) verhalten soll, zu welcher Sammelstelle (gibt es welche?) mich bei einer Schnellevakuierung auf welchem Wege begeben.

Jede Alarmierungsform ist nur so nützlich, wie die Bevölkerung weiß, was sie damit im Notfall praktisch anfängt. Kurzum: In Zeiten zunehmender Katastrophen sind Alarmierungserziehung von der Grundschule an und Katastrophenschutzübungen unter Beteiligung aller Ortsbewohner eigentlich der nächstliegende Gedanke. Aber darüber mag außer Walter und mir offenbar keiner reden. Seltsam.  

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 195

Das ist das Elend eines Monatsmagazins mit langem Druckvorlauf: Derweil ich diese Zeilen in den PC hacke sind es noch ein paar Tage hin bis zur Bundestagswahl; wenn Ihr sie zu lesen kriegt, ist das Ding aber gelaufen. Weshalb ich eigentlich gar nichts zu diesem Thema schreiben wollte. „Kannste bei so einer historischen Wahl nicht machen!“, motzt Freund Walter. Jetzt ist es mal an mir, die Augen zu rollen: Fang du auch noch die Unart an, allen möglichen tagesaktuellen Ereignissen das großspurige Etikett „historisch“ anzupappen. Für die meisten davon wird es in den anno 2070 erscheinenden Büchern zur Weltgeschichte nicht mal eine Fußnote geben.

Zu dieser Wahl würde sich vielleicht die kleine Notiz finden: „Deutschland vollzog 2021 auf Bundesebene nach, was in den meisten der traditionellen Westdemokratien bereits viele Jahre Gang und Gäbe war – die Bildung einer Koalitionsregierung aus mehr als zwei Parteiungen. Das war zwangsläufige Folge der Auflösung alter Parteimilieus, der ausgreifenden Auffächerung des öffentlichen Meinungsspektrums sowie der daraus resultierenden Zersplitterung der Parteienlandschaft inklusive Schrumpfung der beiden einst großen Volksparteien auf Gruppierungen um den 20%-Bereich. Damit war auch Deutschland vollends in der westeuropäischen Parlamentsnormalität angekommen.“

In Skandinavien und den Niederlanden, ebenso in Südeuropa oder auch Israel ist es ein altbekanntes Phänomen, dass drei, vier oder mehr Bewerber um das oberste Regierungsamt gegeneinander in den Ring steigen. Walter nennt das „die mediale Bütt“, ich neige zu „polit-theatralisches Rollenspiel“. Während aber anderswo niemand auf die Idee kam, dieser Form einen eigenen Begriff zu verpassen, hat hierzulande ein Schlauberger für den erstmaligen Dreier-Fight im TV einen Fachbegriff aus den Tiefen der Mathematik beigeschleppt, der binnen Stunden die schnellste Wortkarriere machte, die je zu erleben war: Triell.

Als ich das mir bis dahin unbekannte Wort erstmals sah, dachte ich an den süddeutschen Dialektbegriff „Triel“; hochdeutsch: Maul. Weshalb ich das Wort als Bezeichnung für den öffentlichen Disput der sich um das Kanzleramt Bewerbenden denn doch etwas despektierlich (wenn auch nicht ganz unzutreffend) fand. Nun gut, ist schon wieder Schnee von gestern. Beim nächsten Mal könnte es dann Quartell heißen, was indes nach Kartell klingt, also auch nicht nett wäre.        

Und jetzt? Jetzt wird wohl irgendeine Tri-Regierung gestrickt. Egal,  welcher Art die sein mag: Ohne gehörigen Dampf von außen dürfte die sich kaum dazu durchkoalieren können, das jedwede nähere und weitere Zukunft bestimmende primäre Epochen-Problem des Klimawandels mit einer Wucht anzupacken, die Kindern und Enkeln keine Katastrophenwelt hinterlässt. Das war schon den Wahlprogrammen und Wahl-Slogans der auf Zweistelligkeit hoffenden demokratischen Parteien anzusehen. Im Grunde versprachen sie reihum optimalen Klimaschutz und weiteres materielles Wohlstandswachstum zugleich. Kann es das geben? Nö, jedenfalls nicht nach den Gesetzen der Physik und mit dem Ziel einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, die nicht mehr, sondern erheblich weniger Luft, Wasser, Naturfläche, Rohstoffe verbraucht/versaut als bisher. Denn noch gilt auf Erden: Soll aus einer Maschinerie hinten mehr rauskommen, muss man vorne mehr reinstecken.

Walter hat gerade seine Demonstrantenstiefel wieder hervorgekramt.    
 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 194

Neulich im Wald. Es war ein bisschen düster unterm tropfenden Blätterdach, der Himmel darüber von tristem Wolkengrau verhangen. Der letzte Regenguss lag noch nicht lange zurück. Eben typisches 2021er Sommerwetter hierzulande (sieht man von den verheerenden Sturzfluten mancherorts mal ab). So ein Normalgrauwetter stört einen nicht sonderlich, wenn man auf der Pirsch ist. Bewaffnet mit Taschenmesser und Körbchen zielte mein behutsames Herumschleichen zwischen Buchen, Eichen und Co. nebst allerhand Untergestrüpp jedoch nicht aufs Wildbret, sondern auf Pilze.

Nach drei diesbezüglich ziemlich mageren, hitzigen Dürresommern gedeihen die Schwammerln an meinen Geheimplätzen im seit 40 Jahren eifrig erschlossenen Hauswald heuer zu Hauf. Jetzt, Mitte August, haben dort schon Pfifferlinge Hochkonjunktur. Und endlich besteht mal wieder die Aussicht, auch einen kleinen Vorrat Trockenpilze anzulegen. An besagtem Tag neigte sich mein Sammelstreifzug nach vier Stunden bereits dem Ende zu, denn das Körbchen war fast voll. Da signalisierte mir der Körper das Bedürfnis, ein Bäuerchen zu machen. Will sagen: Ein Rülpser bahnte sich seinen Weg nach oben.

Normalerweise verdrückt sich der Anstandsmensch heutzutage in Gesellschaft ja eine Befolgung der Wohlseins-Aufforderung, die mit der Luther zugesprochenen Frage verbunden ist: „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmacket?“ Aber ich hier in des Waldes Einsamkeit, kein anderer Mensch weit und breit, musste mich den gesitteten Zwängen gewiss nicht unterwerfen. Also ließ ich dem luftigen Leibesdrängen ruhigen Gewissens schamlos freien Lauf.

Allerdings entfleuchte dem Mund nun kein zartes Bäuerchen. Vielmehr brach mit Macht ein grobschlächtiger Großbauer aus dem Maul – so lautstark röhrend, dass augenblicklich der Vögel Gezwitscher verstummte und wohl auch sonstiges Getier in Deckung ging. Richtig peinlich indes wurde es, als von jenseits des Buschwerks, durch das ich mich gerade schlug, sogleich erschreckte Stimmen ausriefen: „Herrgott, ein Wildschwein!“, „Nein, ein Hirsch!“. Da waren sich offenbar der Pilzesucher und einige Wandersleut’ gegenseitig unbemerkt und ungesehen im falschen Moment recht nahe gekommen. Zwecks Beruhigung der Situation gab ich aus dem Gebüsch heraus eilends Laut: „Ähm, weder noch. Nur ein Mensch mit zu viel Luft im Bauch.“ Nach entspannendem Gelächter allerseits gingen beide Parteien vergnügt ihrer Wege.

Freund Walter schüttelt gereizt den Kopf: „Warum erzählst du hier so eine harmlose Schmonzette? Gerade jetzt, da es überall drunter und drüber geht, da zahllose Menschen leiden oder in Gefahr sind, da kaum ein alte Gewissheit noch Bestand hat und die Menschheitsentwicklung sich wahrscheinlich am wichtigsten aller bisherigen Wendepunkt befindet. Corona, Sturzfluten, Rekordhitze und Feuersbrünste, die Afghanistan-Tragödie etc. und überall Führungskräfte wie auch viel einfaches Volk, die mit Großkrisen kaum noch umgehen können.“

Tja, warum erzähle ich ausgerechnet in solcher Lage ein nettes Anekdötchen? Einfach so. Weil es mir Freude macht. Und weil ich hoffe, den Lesenden damit kurz ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Was viel wert sein kann dieser Tage – in denen wohl ein jeder irgendwann an den Punkt kommt, für einen Moment die Nachrichten aus der nahen und fernen Welt nicht mehr ertragen zu können, die allesamt zum Heulen oder zum Ausderhautfahren sind.         

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 193

Jetzt steht man im Westerwald oder Hunsrück am Fenster, betrachtet die Umgebung unter ganz neuen Gesichtspunkten. Woher und wohin würden die Wasser stürzen bei 200 Litern Regen auf den Quadratmeter binnen weniger Stunden? Hier die sonst meist trockene, aus dem Wald kommende und als Feldweg durch Wiesen bis zum Unterdorf verlaufende kleine Senke: Sie würde zum rauschenden Bach. Und weil der am unteren Ende seit Jahrzehnten kein Bett mehr hat, würde er sich orientierungslos über die Straßen ergießen und durch die Häuser toben.

Andernorts schlängelt sich ein Rinnsal, das gewöhnlich gerade eine handbreit Wasser führt, durch Wohnsiedlungen. Bald verschwindet es in einem Rohr, um einige hundert Meter weiter in das normalerweise 30 bis 60 Zentimetern flache, hübsche Miniflüsschen am Talgrund zu blubbern. Was, wenn sich von einem Moment zum nächsten die Wassermengen im Rinnsal und im Flüsschen mehr als verzwanzigfachen?

„Hochwasser“. Doch das ist der falsche Begriff. Hochwasser erlebt man an den größeren Flüssen – mit meist vorhergesagten Pegelständen, auf die mit seit Generationen eingeübtem Verhalten reagiert wird. Die noch ungewohnten lokalen Starkregenereignisse der jüngeren Jahre, erst recht die jetzige großregionale Katastrophe im Westen sind etwas ganz anderes: Hochgefährliche bis lebensgefährliche, auf wenige Augenblicke komprimierte Sturzfluten. Die hinterlassen Gebiete, in denen oft nicht nur sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen bleibt.  

Spätestens seit den entsetzlichen Geschehnissen am 14./15. Juli in Ahrtal und Eifel, in NRW und Belgien sollte auch der Letzte begriffen haben: Wenn entfesselte Natur zuschlägt, gelten selbst in einem der höchstentwickelten Länder auf Erden gewohnte Gewissheiten wenig. Das Heim, das wir für unsere sichere Burg hielten – es kann von jetzt auf gleich ein Trümmerhaufen, gar ein Grab sein. Häuser, Geschäfte, Betriebe, Straßen, Brücken, Gleise: weggespült, kaputt, unbrauchbar. Gas, Strom, Trinkwasser, Internet, Telefon: Die Netze, die uns sonst so selbstverständlich sind: unterbrochen, zerstört.

Plötzlich erleidet man als Betroffener eine Lage, sieht als Außenstehender Bilder, wie man sie bisher nur aus Kriegsgebieten oder Katastrophenregionen in fernen Ländern kannte. Und die Leute in Westerwald, Taunus, Hunsrück sind sich bewusst: Wäre das Unwetter nur ein paar Kilometer weiter nach Osten und/oder Süden gedriftet, es würden sich nun bei ihnen die Leichenhallen füllen. Es kann jeden fast überall treffen. Auch wird es, so die klimawissenschaftliche Gewissheit, eben kein Jahrhundert dauern, bis ähnlich zerstörerische Ereignisse als Sturzfluten, Hitze/Dürre, Feuersbrünste, Extremstürme hierzulande erneut zuschlagen.

Da ich dies schreibe, sind für RLP und NRW bald 200 Fluttote gemeldet.  Zugleich höre ich von Gaffern und Katastrophentouristen, diesen Geiern aus dem ethisch unbeleckten Teil der Menschheit. Ich lese von Betrügern, Plünderern, Rechts- und Verschwörungsextremisten, die die Not für sich auszunutzen versuchen; und es packt mich großer Zorn. Dem steht die gewaltige Hilfewelle aus der Bevölkerung nah und fern gegenüber, die einem den Glauben an das Urmenschliche im Gros der Menschen zurückgeben kann. Gewiss, es ist unendlich viel zu bereden, auch zu streiten über die Lehren aus der Katastrophe. Aber, Herrgott!, das macht man, wenn die Toten beerdigt sind und die Überlebenden mit dem Nötigsten versorgt.

 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 192

„Oh, oh, gaaanz dünnes Eis“ meint Walter angesichts der Überschrift. Ne, ne, dies wird kein Frivolitäten-Geschreibsel, sondern eine Abhandlung streng auf wissenschaftlicher Basis. Gleichwohl belegt des Freundes  Bemerkung, dass für nahezu alles Zwischenmenschliche gilt: Eigentlich ist die Sache sehr einfach, zugleich aber fürchterlich kompliziert. Das Allereinfachste über die Bedeutung freundlichen bis liebevollen  Körperkontaktes für den Menschen hat ein Psychologe in die folgende Formel gepackt: „4 Umarmungen täglich braucht man zum Überleben, 8 zum Leben, ab 16 beginnt das Glück.“ Und einer der vielen Medienbeiträge, die sich mit dem Zustand unserer Beziehungskultur befassen, fragte schon im Titel „Sind wir alle unterkuschelt?“. Antwort: Ja, erheblich.  

Ganz einfach scheint also die Erkenntnis: Für unsere Spezies gehört zugewandter Körperkontakt zu den grundlegenden Überlebensnotwendigkeiten. Nein, ich will hier nicht sprechen über das weite Feld des Missbrauchs von Körperlichkeit als Herrschaftsinstrument bis hin zur sexualisierten Anmaßung und Gewalt. Das wäre ein eigenes Thema. Hier geht es einmal um die positiven Potenziale. Der Wissenschaft des späteren 20. Jahrhunderts folgend, gehört inzwischen quasi zum Allgemeinwissen, dass Babys/Kinder ohne körperlich-zärtlichen Zuspruch nicht gut gedeihen. Das liebevolle Halten, Herzen, Umarmen, Streicheln, Küssen der Kleinen durch Eltern, Verwandte, Freunde, Erzieher gilt deshalb hierzulande und heutzutage als positive Normalität. Gleiches verbreitet sich auch im Umgang mit unseren Ältesten, seit sich herumgesprochen hat, dass körperliche Zuwendung oft selbst in tiefe Demenz versunkenen Greisen wohltut.

„Gut, gut,“ meint Walter. „Aber was ist nun mit uns, den drei Generationen dazwischen?“ Tja, im Grunde verhält es sich genauso. Von Natur aus sind die meisten Leute erfüllt von einem Bedürfnis nach freundlicher, angenehmer Körperzuwendung von und zu Menschen, die sie mögen. Genau besehen, besteht unsere zwischenmenschliche Kommunikation ja sowieso nur zum kleineren Teil aus Worten, zum größeren aus Blicken, Gesten, Haltungen und oft eben auch Berührungen. Küsschen, Umarmung, Unterhaken, Händchenhalten etc.: Gerade Jugendliche pflegen, trotz Smartphone und Co., solche Formen noch immer ausgiebig.

Doch auch schon bei ihnen wird’s kompliziert, weil die Körperlichkeit in den geschlechtsreifen Alterklassen sozusagen ihre Unschuld verliert. Denn fast jede Art von Berührung KANN hier auch eine sexuelle Tönung und Zielrichtung annehmen. Was kein Beinbruch ist, wenn jede/r Beteiligte Lust auf diese Spielebene des Turtelns hat. Allerdings schleppen wir ein ungutes puritanisches Erbe mit uns, das fast jedwede Art Berührung zwischen denkbaren Geschlechtspartnern unter den Generalverdacht geiler Absichten stellt. Traurige Folge: Weit verbreitet haben wir oft bis hinein in die engsten Vertrautenkreise, je selbst Paarbeziehungen, die Fähigkeit verloren, unterhalb der Ebene des Sexuellen die urmenschliche Wohltat körperlicher Zuwendung, alltäglicher Zärtlichkeit, auch des Schmusens und Kuschelns zu pflegen und zu genießen.

„Du willst uns jetzt aber nicht den guten alten Sex ausreden?“ fragt ein misstrauischer Walter. Nicht mal im Traum, mein Lieber. Denn die vermeintlich schönste Nebensache des Lebens ist ja in Wahrheit eine unverzichtbare Hauptsache – aber halt nicht die einzige.   

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 191

Schreib was Nettes. Mach den Leuten Mut. Verströme Zuversicht und neue Lebensfreude. Sie haben es verdient, die meisten jedenfalls.

Walter zieht etwas unwillig die linke Augenbraue hoch, als er das mir selbst auferlegte  Motto für diesen Text sieht. „Übertreib’s nicht“, grummelt der Freund, „du könntest flott, statt Zuversicht, Leichtfertigkeit fördern. Denk daran: Noch haben zwei Drittel der hiesigen Erwachsenen gar keine Impfung und erst 15% die volle Doppeldosis. Kinder und Jugendliche nicht mitgerechnet. Wir würden uns doch gerne die letzten 10 000 Corona-Toten bis zur Hunderttausender-Marke und jede Menge Long- und Postcoronageschädigte ersparen, die eine vierte Welle wohl mit sich brächte.“

Ja, ja, alles richtig. Und gewiss gibt es auch unendlich viel zu kritisieren, jetzt, im Rückblick auf das Larifari-Seuchenmanagment in deutschen Landen sowie aktuell auf das gleichartige Impfmanagment. Ich (65) bin schließlich selbst betroffen von diesem Glücksspielautomaten, der im Mainzer Gesundheitsministerium anscheinend die Impftermine ausknobelt: Habe mich pünktlich nach dem Aufruf an die 3. Priogruppe korrekt online registriert zur Impfung im für mich zuständigen Zentrum Hachenburg, seither aber keinen Pieps mehr gehört. Gut acht Wochen ist das nun her. Derweil ich getreulich auf Terminzuteilung warte, rauschen auf allen Seiten zuhauf pumperlgesunde Altersgenossen ohne lange Wartezeit mit Pflaster auf’m Arm an mir vorbei; von unzähligen gesunden Jüngeren, die über die Arztschiene geimpft werden, ganz zu schweigen.

Neid? Ach was. Ich bin glücklich über jeden Neugeimpften, denn jeder einzelne senkt das Ansteckungsrisiko aller. Freilich erwarte ich schon, dass die Regierung wenigstens eine halbwegs ordentliche Impfkampagne hinkriegt, in deren Rahmen man auch ohne Trickserei, Mehrfachanmeldung, Beziehungen etc. ganz regulär in vertretbarem Zeitrahmen an eine Impfung kommt, selbst wenn man keinen Hausarzt hat. Vielleicht erklärt mal ein Psychologe der Politik, wie es auf  Millionen Bürger wirkt, die seit Wochen oder Monaten in Wartelisten stehen, wenn auf allen Kanälen fortwährend hauptsächlich über Deregulierung und Aufhebung der Impfordnung pallavert wird. Was soll das ab Juni werden? Ein Massenwettbewerb um die Spritze nach dem heute allfälligen Battle- oder Challange-Prinzip „die Stärksten, Schönsten, Gewieftesten gewinnen“?  

Doch eigentlich wollte ich ja Optimismus verbreiten. Also: Wir dürfen uns glücklich schätzen, ein Wunder mitzuerleben. Die Bundesnotbremse wirkt – obwohl sie gar nicht notbremst, sondern nur einmal mehr kleinen Gewerbetreibenden, Künstlern und Kultureinrichtungen, Gastroszene, Familien, Schülern, Studierenden etc. die Hauptlast der Seuchenbekämpfung aufbürdet. (Ach, was hätten wir uns mit ein oder zwei echten, z.B. auch die Großindustrie einschließenden bundesweiten Lockdowns früher an endlosen Malaisen ersparen können!). Und obwohl auch die Impfkampagne in Deutschland alles andere als ein Ruhmesblatt ist, kommt sie dennoch voran. Sollten nicht Leichtsinn und Irrsinn wieder alles verderben, könnte im Laufe des Sommers Mutter Chaos ein recht gesundes Kind gebären, das sich seines Lebens freuen darf.

Sollte sich indes abzeichnen, dass ich im Herbst der letzte Piecksanwärter sein könnte, bevor das Impfzentrum die Schotten dicht macht – dann kriegt der Mainzer Glückspielautomat einen Gong verpasst, der sich gewaschen hat. 

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 190

Viele wissen es. Andere ahnen es, weil meine Präsenz in Zeitungen und an Vortragspulten mittlerweile gegen Null tendiert: Der Autor ist in den Ruhestand getreten. Das schon vor einigen Monaten. Während des ersten Lockdowns reifte der Entschluss, diesen Schritt um ein Jahr vorzuziehen – und mich bereits 2020 ebenso unauffällig aus dem journalistischen Getriebe zu verdrücken, wie ich es 34 Jahre zuvor durch eine Seitentür betreten hatte. Eine Mini-Kür nur wollte ich auf die alten Tage weiter pflegen: Gelegentlich noch eine Theater- oder Konzertkritik schreiben sowie mir das Vergnügen der „Quergedanken“-Kolumne gönnen. Alles nach Lust und Laune; den lieben Gott einen guten und mich einen von Pflichten freien Mann sein lassen. Theater/Konzert gibt’s momentan nicht, bleibt also: das hier.

Und was mache ich nun mit all der gewonnenen Verfügungszeit? „Er dreht am Rad“, meint Freund Walter schnippisch, „hat sich allerhand seltsamen Zeitvertreib zugelegt.“ Dieses grässliche Wort, Zeitvertreib, geht mir auf den Keks. Mit 65 Jahren will man keine Zeit vertreiben, man hat eh nur noch einen Rest davon übrig. Es geht darum, die verbleibende Lebensspanne mit interessanten, schönen, spannenden, genussreichen Elementen zu füllen – jetzt, da das Muss des Broterwerbs die Peitsche nicht mehr schwingt. Was also mache ich? Lauter Sachen, nach denen mir schon sehr lange der Sinn steht, die aber im Berufstrubel stets den Kürzeren zogen.

Nein, es drängt mich keineswegs zur Bereisung ferner Länder. Auf große Welttour würde ich auch ohne Pandemie nicht gehen wollen, weder per Flugzeug oder Luxusliner, noch in Abenteurermanier auf Zweirad, Pferd oder zu Fuß. Auch von früh bis spät nur auf der faulen Haut liegen ist zwar eine gelegentliche, doch keine dauerhafte Option. Walter zappelt herum und kann dann wieder das Wasser nicht halten: „Der Herr Kolumnist gerieren sich nunmehr als Kunstmaler, Pianist und  Selbstversorgungsgärtner.“ Richtig am lästerlichen, indes vor allem wohl neidischen Geplapper des Freundes ist immerhin dies: Das Edikt von Joseph Beuys, wonach „jeder Mensch ein Künstler ist“ (sofern er sich aufrafft), steht als Leitmotiv über meinem neuen Lebensabschnitt.

Will sagen: Zwar kann nicht jeder malend mit Da Vinci oder Van Gogh gleichziehen, schreibend mit Heinrich Heine oder Thomas Mann, musizierend mit Anne-Sophie Mutter oder Alfred Brendel, bauend/gartenbauend mit Schinkel oder Lenné … In höherem Anfängeralter nach derartiger Meisterschaft streben zu wollen, wäre vermessen und vergebliche Liebesmüh. Doch steckt in JEDEM Menschen kreatives Potenzial, die Fähigkeit also, irgendwas irgendwie nach eigenem Gusto zu gestalten. Hat man die Lust an solchem Tun erstmal geweckt, gibt es für viele Neuaktive kein Halten mehr. Weshalb wir über die pandemischen Monate hunderttausendfach neue Einstiege in gestalterische Hobbys und Passionen erleben dürfen.

Tja, und mich zieht es nach gut drei Jahrzehnten Schreiberei nun halt zum Selbermachen just in die wortlosen Künste – hin zum inzwischen ein halbes Leben lang brach gelegenen Klavierspiel sowie hinein in die mir zwar theoretisch vertraute, aber eigenpraktisch völlig fremde Welt des Zeichnens und Malens. Das ist eine wahrlich aufregende Abenteuerreise, wo nicht das Ziel, sondern aus Spaß an der Freud der Weg des experimentierlustigen Dilettanten als höchster Wert an sich zählt. Gelle, Walter, da würdest du gerne mitgehen? Dann mach’ halt!         

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 189

Reden wir mal übers Essen. Davon sind alle betroffen, hat jeder Ahnung. Denn alle müssen essen – egal wie das Wetter ist und was sich ringsumher mehr oder minder Dramatisches abspielt. Ein Entschluss Walters brachte das Thema neulich bei uns aufs Tapet. Als wir nach geraumer Zeit mal wieder zusammen durch den Wald stapften, bemerkte der Freund beiläufig: „Ich bin seit drei Wochen Vegetarier.“ Hoppla! Staunen meinerseits, schließlich ließ der Kerl sich über Jahrzehnte zu Schnitzel und Steak, Braten, Gulasch und meinem Weihnachts-Truthahn nie lange bitten.

Nein, ich bohrte nicht nach seinen Beweggründen. Nach unzähligen Stunden Diskussion über Elend, Gefahren, Schande von industrieller Massentierhaltung und Fleischverramschung sowie über das ökologische Desaster der maßlosen Fleischfresserei weltweit, war Walter einfach reif für solch einen Schritt. Er ist halt der Typ für derartige persönliche Radikalkonsequenzen. Da kann, will ich auch nicht mithalten –  obgleich ich jedem, der zum Vegetarismus und Veganismus wechselt, mit Freuden Beifall spende.

Mein Bemühen als bekennender Allesfresser gilt seit Jahren der quantitativen Verminderung des eigenen Fleischkonsums bei zugleich weitgehendem Umstieg auf  Bio-Fleischwaren. Das Ergebnis ist recht ordentlich: Verglichen mit den 1990ern, kommen bei mir heute zwei Drittel weniger, dafür qualitativ hochwertiges Fleisch aus, sagen wir: respektvoller Tierhaltung auf den Tisch. Viel weniger, aber besser: Im Geldbeutel macht das kaum einen Unterschied, in der Ökobilanz jedoch einen beträchtlichen. Was ich den Freund indes unbedingt fragen musste: Plagt dich denn bei der neuen Fleischabstinenz nicht die Lust auf Fleisch? Es folgte eine jener typischen, wunderbaren Walter-Antworten:

„Mögen sich im deutschen Sprachbild die Begriffe Lust auf Fleisch und Fleischeslust auch noch so nahestehen, es sind zwei völlig verschiedene Lüste. Die Fleischeslust wirst du qua Natur nie los, der sexuelle Trieb zwickt und zwackt die meisten Männer wie Frauen ihr Lebtag, mehr oder minder heftig. Ob man ihn zügelt, kultiviert und einhegt auf gegenseitiges Wollen, ist letztlich eine Frage des Willens, der Willenskraft. Die Lust auf Fleisch ist hingegen eine Frage nur des Wollens; es gibt keinen menschlichen Trieb, Fleisch essen zu müssen. Ich komm’ also klar. Zumal wir in den letzten Jahren ja alles munter probierten, was unsere vegetarischen und verganen Freunde und Verwandte auffuhren – und dabei auch allerhand Leckeres entdeckt haben.“  

So wenig ich auf des Freundes Beweggründe insistierte, so wenig versucht er, mich zu missionieren. Friedliche Koexistenz der Ernährungsweisen herrscht schon seit einigen Jahren auch an den meisten Gartengrills unserer Bekanntenkreise: Auf jedem Rost ist selbstverständlich ein Bereich reserviert für Grillkäse, Tofuwürstchen, Schmorgemüse und neuerdings auch Fleischersatzprodukte. Überhaupt: Mir ist seitens der Vegetarier und Veganer Missionierungseifer wesentlich seltener begegnet als abfällige Witzelei und versuchte Lächerlichmachung der sich vegetarisch/vegan Ernährenden durch Fleischtraditionalisten in Fastnachts-Bütten und auf Comedy-Bühnen. Das sage ich als bekennender Allesfresser – und ärgere mich darüber, dass mancher Allesfresser offenbar allein schon in dem Umstand, dass jemand aus guten Gründen kein Fleisch essen will, einen Generalangriff auf seine überkommene Lebensart sieht.

Monatskolumne "Quergedanken" Nr. 188

Nach zweimonatiger Corona-Zwangspause darf ich für diese Stelle mal wieder zur Feder greifen. Von einer der schönen Seiten des Lebens sollte die schreiberische Rede gehen, nicht wieder von der vermaledeiten Seuche. Von hübschen und aufhübschenden Modetrends wollte sie handeln, die in der warmen Jahreszeit allüberall Kopf und Herz der TrägerInnen wie der Betrachtenden erfreuen. Doch kaum ist solch harmloser Gedanke gefasst, stolpert er über die (noch) nirgends umgehbaren pandemischen Unbilden.

Es sind nämlich die Modezyklen gehörig aus dem Tritt geraten. Die im Winter 2019/2020 erworbenen Teile aus den Frühjahrskollektionen konnten kaum ausgeführt werden. Genauso erging es den im Spätsommer 2020 gekauften neu-modischen Kleidungsstücken für die jetzt auslaufende Wintersaison. Flaniergarderobe, Club-Wirtshaus-Partygarderobe, festliche Garderobe … hängen nagelneu im Schrank, kommen im Lockdown mangels Gelegenheit selten bis nie der Mitwelt vor Augen. Ergo bin ich leider nicht in der Lage, verlässlich zu prognostizieren, was die Mode, insbesondere die für jüngere Frauen und reifere Damen, Reizendes in diesem Frühjahr/Sommer in die mehr oder minder belebte Öffentlichkeit bringt.   

Vielfach trifft das sogar auf Büro- oder Oberschul- und Uni-Garderobe zu; jedenfalls deren untere Hälfte. Sind die Herrschaften obenrum für die Schaltkonferenz aus dem Homeoffice noch schniecke geputzt, mag man sich kaum vorstellen, was unterhalb der Kameraerfassung an anrüchigem Verfall der Bekleidungskultur abgeht. Da dürfte mancher seinen Unwillen gegen Vorgesetzte klammheimlich in einen Gedanken packen, dessen Möglichkeit buchstäblich bereits vorbereitet ist: „Gleich spring ich ihm/ihr mit dem nackten Ar…. ins Gesicht“. Die alte Volksweisheit vom „Oben hui, unten pfui“ feiert auf diesem Feld derzeit fröhliche Urständ – und bestätigt so ein ewiges Gesetz des Modemachens, das mir aus kundigem Munde offenbart wurde: Je mehr gestalteter Stoff obenrum, umso weniger untenrum; und umgekehrt.

Dies Gesetz könnte nun unter den besonderen Bedingungen unserer Gegenwart auch zur Umkehrung besagter Volksweisheit führen. Denn ganz „oben“ wird reichlich hässlicher Stoff – unvermeidlich – die ausdrucksstärkste Partie unseres Körpers verhüllen: die medizinische Mund-Nasen-Maske das Gesicht. Und man baue für die zwischenmenschliche Beeindruckung bloß nicht so sehr auf die frei bleibenden Augen. Deren Kraft rührt nämlich nicht von den Glubschern selbst, sondern von ihrem Zusammenspiel mit Dutzenden von Gesichtsmuskeln. Die aber werden auch in diesem Sommer noch bedeckt sein.

Fällt Mimik zur Kommunikation weg: Was bleibt? Das „Unten“ muss sich umso eindringlicher Ausdruck verschaffen. Gemäß dem beschriebenen Gesetz des Modemachens gilt deshalb für Sommer 2021: Da im Gesicht so viel Stoff hängt wie nie, braucht es vom Hals bis zu Sohle davon sehr wenig. Freund Walter fällt mir begeistert ins Wort: „Folglich werden die Ladies sich für den Gang in die so oder so pandemisch begrenzte Welt – kontrastierend zur Seuchenmaske – zuhauf kleiden in nackte Schultern, Arme und tiefe Dekolettés, einige werden Bauchfreiheit bis fast hinab zur Venus pflegen, andere Beinfreiheit bis hinauf zur ersten rückwärtigen Mondrundung. Das wird hübsch – obwohl auch viele diese Mode tragen werden, denen sie eher weniger steht. Und mögen die Götter verhüten, dass die Mannsbilder all ebenfalls auf diesen Trend verfallen.“    

 

Monatskolumne "Quergedanken" 187

Die nachfolgende Nr. 187 meiner Monatskolumne "Quergedanken" hatte Redaktionsschluss einige Tage bevor bekannt wurde, dass Bundesregierung und Länderchefs das Corona-Virus über Weihnachten und bis Neujahr in den Urlaub schicken würden. Der Text geht also noch davon aus, dass heuer die Feiertage - epidemiologisch vernünftiger Weise - nur im allerkleinsten Kreis begangen werden. Denn dass Festivitäten mit zehn Erwachsenen plus Kinderscharen zugelassen würden, war zum Zeitpunkt des Schreibens nicht absehbar und für den Autor auch undenkbar. Gleichwohl muss ja nicht jeder alles ausschöpfen, was erlaubt ist. Insofern behält der Text dann doch ein gutes Quantum Gültigkeit - und sei es als Empfehlung.

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Egal, was ich nun über Adventszeit und Weihnachten in Zeiten der Seuche schreibe: Es wird LeserInnen geben, die sich darüber freuen, und solche, die sich ärgern. Das sogar, obwohl das Häuflein Coronaleugner und Umstürzlerchaoten ausdrücklich nicht Zielgruppe dieses Textes ist. Freund Walter besteht mit unzitierbaren Worten darauf, ich möge erklären, dass wir mit Leuten nichts mehr zu bereden haben, denen 1,3 Millionen Corona-Tote und das Leid auf den Intensivstationen völlig gleichgültig sind. Was hiermit geschehen ist.

Bleiben wir also bei der übergroßen Mehrheit der normalen Bürger. Je nach persönlicher Situation sieht ein Teil von ihnen der „stillen Zeit“ heuer traurig bis beklommen entgegen. Während andere durchaus eine Möglichkeit wittern, Weihnachten nicht auf die gleiche Art erleben zu müssen wie all die Jahre zuvor. Mal Hand aufs Herz: Für gar nicht wenige von uns war Stille in der stillen Zeit doch eher Mangelware. Zumindest teilweise. Oft war die Beschaffung überreichlicher Geschenke in prallvollen Städten und Läden oder aus dem unendlichen Angebot des Internets mehr pflichtgemäße, stressige Tortur als glückseliger Rausch. Und das (klammheimliche) Augenrollen über den feiertäglichen Aufgalopp von oder bei Eltern, Großeltern, Onkeln, Tanten, Kindern, Enkeln, Bestfreunden – es gehörte zu Weihnachten wie Kerzenschein, Plätzchen und ein gleichermaßen mit Rührseligkeiten wie Hau-drauf-Filmen nebst Horrorstreifen überquellendes TV-Programm.

Ja, ja, Walter, ist klar: Dir fehlt das be-sinnliche Happening namens Weihnachtsmarkt mit seiner Süßholzraspelei bei reichlichem Genuss süßgewürzten Heißalkohols. Kann ich irgendwie nachvollziehen. Denn auch ich denke etwas wehmütig an meine traditionelle Übelkeit zurück, alle Jahre wieder hervorgerufen durch mehrfachen Wechselgenuss von Bratwürsten, gebrannten Mandeln und Glühwein am selben Abend. Schön war‘s; doch, doch. Schön war auch immer das munter diskursive Gelage zu Heiligabend an unserer langen Tafel mit dir, den angereisten erwachsenen Kindern plus FreundInnen und dem von mir in der Küche stundenlang zugerichteten Riesenvogel.

Rien ne va plus, Weihnachten 2020. Nichts (davon) geht mehr anno coronae 1. Richtiger gesagt: Vieles davon geht diesmal nicht in gewohnter Form. Es sei denn, man setzt sich gedankenlos über sämtliche Corona-Vorsichtsregeln hinweg. Aber vielleicht fällt nun dem einen oder anderen auch auf, dass womögliche einige Elemente der neuzeitlichen Form, Advent und Weihnachten zu begehen, so furchtbar gut auch wieder nicht waren. Die Zeit diesmal zu verbringen ohne Kauf- oder Glühweinrausch unter Menschenmassen; im allerkleinsten engsten Kreis mit bescheidener, aber liebevoller Beschenkung; in Ruhe, Zurückgezogenheit und Beisichsein: Böte dies nicht auch die Chance, ein Stückchen jener Lebensqualität zurückzugewinnen, die seit Urzeiten die Tage der längsten Nächte zur besonderen, zur stillen, zur so oder so „geweihten“ Zeit machte?

Nachtrag in eigener Sache: Es fällt mir im Traum nicht ein, meine Quergedanken-Kolumne umzubenennen, nur weil ein paar seltsame Leute neuerdings ganz unglaubwürdig, aber dafür sehr laut behaupten, „Querdenker“ zu sein. Meine „Quergedanken“ gibt es seit 2005 und sie haben stets mit tatsächlichem Nachdenken über das reale Universum zu tun. Dabei bleibt‘s. Basta.    

 

     

Monatskolumne "Quergedanken" 186

Ich hatte überlegt, mal wieder ein nettes Textchen über was Schönes zu schreiben; schließlich wird auch in Corona-Zeiten noch genossen, gelacht, gelebt, geliebt. Also etwa über die mir jüngst ins Auge gestochene „neue“ Hosenmode für Girlies und Ladies. Da wird wohl gerade die 4/5-Stretchjeans abgelöst, die mich in ihrer ästhetischen Wirkung die letzten Jahre über stets erfreute. Es verbreiten sich nun locker, luftig fallende Beinkleider im angedeuteten Matrosenschnitt. Ebenfalls in 4/5 Länge gehalten (also mit etwas „Hochwasser“), ist auch dieses Outfit gefällig anzuschauen, denn: In solcher Bux swingt der Trägerin Gang, tänzelt schier, strahlt selbstbewusste Leichtigkeit aus.

Dann allerdings fiel mir ein: Kurz nach Erscheinen unseres Magazins würde US-Amerika seinen Präsidenten wählen. Und das wiederum ist diesmal derart ernst, dass Geschreibsel über modisches Tanderadei fehl am Platze sein möcht‘. Immerhin entscheiden die Bürger der (noch) gewichtigsten Militär- und Wirtschaftsmacht auf Erden, ob ihr Land eine halbwegs ordentliche Demokratie bleibt,  mit zumindest einer vagen Chance auf weniger Rassismus, etwas mehr Sozialstaatlichkeit und ökologische Verantwortung. Oder ob weiter ein Lügenbaron auf dem Thron hockt, der Gott für einen weißen Amerikaner hält, Frauen, Schwarze, Latinos für dienstbares Zubehör,  Angela Merkel für eine Kommunistin und US-Kohle für das gesündeste aller Lebensmittel. Einen, der die USA  nach eigenem Bild umformen will und regieren nach dem Muster „der Staat bin ich“.

Doch just beim Schreiben dieser Zeilen Mitte Oktober werden die Einschläge der Corona-Seuche  ringsumher rasch zahlreicher, wuchtiger und rücken näher. Also dachte ich: Das mag den Leuten hier mehr auf den Nägeln brennen als selbst das Drama jenseits des großen Teiches (dessen Ausgang, sollte der „großartigste Präsident aller Zeiten“ im Amt bleiben, auch uns teuer zu stehen kommen könnte).

Es wurden jüngst neue Grundrechenarten entwickelt: die Attila-Naidoo-Maximierung und die Schwurbelminimierung. Bei deren Anwendung stellen sich 25 000 Demonstranten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen als 1,2 Millionen heraus oder reduzieren sich 210 000 Corona-Tote in den USA auf 12 000. Allerdings sind diese Rechenarten selbst bei einschlägigen Rechenkünstlern perdu, sobald ein schwerer Covid19-Verlauf sie selbst oder jemand aus ihrer nächsten Umgebung niederwirft. Gleiches gilt für alle, die aus dem bis eben gemäßigten Verlauf der Epidemie hierzulande den Schluss ziehen: Das Virus denke deutschlandfreundlich, werde auf deutschem Boden ganz harmlos. Liebe Leut‘, das Virus denkt gar nicht; es ist wie es ist und reagiert stets nur auf die Bedingungen, die wir ihm bieten. Sind diese günstig – wegen konfuser Schutzmaßnahmen und/oder weil sich zu viele Zeitgenossen gedankenlos oder mutwillig nicht an die AHAL-Regeln halten – langt Sars-CoV-2 überall schnell und kräftig zu.

Seit Monaten erleben wir in Politik und Gesellschaft lebhaften Streit, was wo wie wann an Eindämmungsmaßnahmen gegen die Seuche sinnvoll, vertretbar, angemessen, notwendig oder eher kontraproduktiv sei. Das geht in Ordnung, solange es sich um Dispute über den bestmöglichen Seuchenschutz handelt. Das geht nicht mehr in Ordnung, wenn das Gefahrenpotenzial der Epidemie bloß klein- oder gar weggeredet werden soll – bis irrwitziger Weise nicht mehr die Seuche, sondern der Seuchenschutz als Hauptfeind gilt.

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